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Gespräch

Was macht das Theater, Lutz Hillmann?

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Lutz Hillmann. Foto Wolfgang Wittchen
Lutz Hillmann. Foto Wolfgang Wittchen

Lutz Hillmann, Sachsen hat als einziges Bundesland in der publikumsträchtigen Vorweihnachtszeit und dann bis Mitte Januar alle Theater geschlossen und ist damit im Bundesvergleich einen Sonderweg gegangen. War der sinnvoll?

Ab 22. November gab es den so­genannten Wellenbrecher mit einem Kulturlockdown, der die Theater und Orchester betraf. Die Krankenhäuser waren voll, die Zahlen hoch, die Impfquote niedrig, und deshalb gab es ein großes Verständnis dafür, dass ­etwas getan werden musste im Land.

Nun ist es doch so, dass die Theater ­alles getan haben für einen sicheren Vorstellungsbetrieb und das Kulturpublikum gehört wahrscheinlich in der Mehrheit auch nicht zu den aktiven Gegnern der Corona-Maßnahmen. Werden mit solchen harten Einschränkungen nicht die Falschen getroffen?

Das stimmt, es gibt kein nachweis­liches Infektionsgeschehen bei Kulturveranstaltungen, insbesondere nicht im Theater. Gutachten und empirische Studien haben das belegt. Solche Räume sind fast so sicher wie im Freiluftbereich. Deshalb war das schon schwer zu verkraften. Und es war ja auch nicht zu erwarten, dass sich das Infektionsgeschehen dadurch verändert. Das wurde durchaus als Symbolpolitik der Landesregierung am Modell der Kultur gewertet. Die Regierung befand sich in der Zwickmühle, wenn die Theater weiterspielen, dass dann andere ­sagen könnten, warum dürfen wir nicht offenbleiben. Das ist ja eines der grundsätzlichen Probleme, dass man in dieser Situation so aufeinander guckt. Wenn man es sachlich betrachtet, bringt die Schließung der Theater und Konzertveranstaltungen nichts.

Sie sind Intendant in Bautzen und dazu auch der Landesverbandsvorsitzende des Deutschen Bühnenvereins in Sachsen. Wie lange wird sich denn aus dieser Perspektive das geduldige Verständnis für solche Maßnahmen bei den Kulturveranstaltern noch erhalten können?

Das erodiert jetzt langsam. Bei Einführung der Maßnahmen im November war die Zustimmung groß und weit verbreitet. Das ist jetzt nicht mehr so. Wir müssen in Gesprächen mit der Landesregierung auch immer wieder sagen, dass die Theater ja eigentlich die Verbündeten sind. Nicht nur bei der ­Umsetzung von Maßnahmen und Hygiene­konzepten, sondern auch inhaltlich in einer Situation, da sich einige Leute von der Demokratie verabschieden und offen zum Umsturz aufrufen. Künstlerische Angebote, die auf diese Situation eingehen, sind da wichtig, aber sie müssen auch erlebt werden können.

Vor der Haustür Ihres Theaters waren die Auseinandersetzungen im Januar besonders heftig. Warum gerade in Bautzen?

Bautzen ist die Hauptstadt der Oberlausitz, und vieles spielt sich hier wie unter einem Brennglas ab mit verschiedenen Einflüssen aus der gesamten Region. In Wirklichkeit ist das aber gar nicht so viel anders als in anderen Städten, wo auch protestiert wird. Aber es hat sich eine mediale Anziehungskraft wegen eines bestimmten Rufs der Stadt entwickelt, die wiederum dazu geführt hat, dass diese Proteste hier stattfinden und besondere Aufmerksamkeit erhalten. Ich kann aber nicht leugnen, dass sich damit wieder der Ungeist zeigt, der sich schon 2015 gegen Geflüchtete richtete, der braune Schattierungen hat und offensichtlich in Bautzen wohnt.

Der Kulturlockdown der Weihnachtszeit dürfte auch die fehlenden Einnahmen ­verschärft haben. Wie schätzen Sie die ökonomischen Folgen ein?

Viele Theater, auch wir in Bautzen, haben versucht, das über Kurzarbeit ab­zufangen, was für diese Situation aber nicht gut funktioniert hat und sehr schwierig ist. Denn der Betrieb kann nicht komplett runtergefahren werden, wenn man weiß, dass man kurzfristig wieder öffnen wird, wie jetzt seit dem 14. Januar. Gerade erfahren wir von einem Hilfsfonds für Kultur in Sachsen in Höhe von 30 Millionen Euro. Das wird hoffentlich diese Minderauslastung ­etwas ausgleichen können.

Wenn die Theater jetzt ins dritte Jahr mit der Pandemie gehen, welche Schluss­folgerungen für den Spielbetrieb zeichnen sich da mittelfristig ab?

Ich denke, wir haben alle noch gar nicht realisiert, was das insgesamt für Konsequenzen haben wird. Die Theater hier in Sachsen sind in dieser Spielzeit immer wieder mit neuen Problemlagen des Tages beschäftigt gewesen, die einen größeren Weitblick kaum erlauben. Eine Sache zeichnet sich aber schon klar ab: das Publikumsverhalten. Abo-Strukturen, die es hier noch verbreitet gibt, müssen überdacht werden, und viele, die schon zu lange im Heimkino auf der Couch sitzen, zurückgewonnen werden. Auch ältere Menschen, die ja die Basis für Abonnements bilden, werden mit solchen Angeboten anders umgehen. Das sind Auswirkungen, die wir noch gar nicht alle richtig kennen. Aber wir müssen uns darauf einstellen. Auch mit den Spielplänen. Es ist eine Zäsur. Wir werden uns nach der Pandemie neu erfinden müssen. //

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