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Nicht Sprungbrett denken, sondern festen Boden

Lucie Luise Thiede und Susann Thiede im Porträt

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Auf dem Dach des Großen Hauses: Lucie Luise Thiede (links) und Susann Thiede, Schauspielerinnen am Staatstheater Cottbus. Foto Marlies Kross
Auf dem Dach des Großen Hauses: Lucie Luise Thiede (links) und Susann Thiede, Schauspielerinnen am Staatstheater Cottbus. Foto Marlies Kross

Sie hätten derzeit gemeinsam auf der Bühne stehen sollen: Mutter und Tochter – als Mutter und Tochter. Susann Thiede in der Rolle der Waschfrau Wolff und Lucie Luise in der Rolle der schwangeren Leontine. In Gerhart Hauptmanns „Biberpelz“, ­Regie: Armin Petras. Aber Lucie Luise spielt nicht – sie ist schwanger. So lehrt das Leben die Kunst: Umbesetzung.

Wir sitzen im Probenhaus des Staatstheaters Cottbus, im „Biberpelz“ sieht man im Video den Madlower See, den Spreewald, die ruppigen Ufer. Licht und Grauwerte der Lausitz. Wo der Dichter Gottfried Unterdörfer hoffnungsvoll schrieb: „Ich will den Bogen setzen“. Wo Volker Brauns aufsteigendes und ­heruntergekommenes Hoywoy nicht weit ist. Zwei Spielerinnen, sofort spürbar: Expertinnen darin, (noch immer) aufeinander neugierig zu sein.

Irgendwann war das unpassendste Wort gefallen: Provinz. Wo es doch in beider Arbeit absolut nichts zu suchen hat. „Wo ich bin, ist keine Provinz!“ Ein Satz von Christoph Schroth. Vier Jahre spielte Susann Thiede am Staatstheater Schwerin, dort ­hatte Intendant und Regisseur Schroth auf eine Weise Theater betrieben, die zum Fußball aufschloss: Das Publikum kam in Sonderzügen. Susann Thiede folgte Schroth nach Cottbus. Auch hier, viele Jahre: Volkstheater. Ohne Ruch des Seichten. Volkes Theater, „eine instanz der unberuhigten vernunft“ (noch einmal Volker Braun).

Susann Thiede, Künstlerin mit einer wahrlich langen Rollenliste, spricht von der „Kraft des Ensembles“; eine wehrhafte Setzung in einer Welt des Outsourcings, des frei flottierenden Marktes. Das Wort „GmbH“, das auch an Bühnen so struktur­bestimmend wurde, spricht sie zweifelnd, nahezu furchtsam aus. Lucie Luise sagt’s deutlicher: „Ein Ja zum Stadttheater!“ Aber noch viel mehr ein Ja zur Leidenschaft eines Ensembles, sich mit dem Ort, an dem es Theater macht, zu verbinden. Theater nicht als ökonomiefreier Sicherungskasten, aber: Förderung auch für Risiken. Und Verständnis: In Krisenzeiten wächst die Sehnsucht der Leute – nach Linderung durch Leichtigkeit. Operette oder ,Orestie‘? „Wieso denn: oder?“, fragen beide. Es ist eine Antwort! „Nichts gegenüberstellen!“ Freilich sagen beide, dass die „Orestie“ im Moment nicht das Mittel erster Wahl wäre, um zur Heilung der Menschen beizutragen. „Die Frage muss wohl eher lauten: Welches Theater – jetzt? Das treibt uns um, bei leeren Reihen, wir stecken tief im Findungsprozess.“

Aischylos’ Klytaimnestra, Dürrenmatts Claire Zachanassian. Zwei Rollen nur, sie stehen für einen Kosmos: Susann Thiede gab das Hehre und das Harte; ihre Gestalten bannen mit schönem Verlangen und stoßen ab mit Bosheit. Dann wieder wächst ihren Figuren aus Narbenwuchs über Wunden ein gesunder Witz zu.

Ihr wird jeder Deckel, der einen Schrei einsperrt, zur Krone. Die den Schmerz mit Verschweigen adelt. Ihn freilich nicht aufhebt. Das denken nur die anderen. Tapferkeit heißt das. Ihre Art hat etwas weich Fließendes, das kann aber im nächsten Moment klirrend zerspringen. Und plötzlich thront da eine Monarchistin des ernsten Wortes. Oder wie bei der Waschfrau Wolff: die Zunge als Sprengsatzlager.

Susann Thiede ist die Tochter von Angelika Waller. Wird man, in einer Theaterfamilie lebend, zum gebrannten Kind? Blick zu Lucie Luise. Sie kontert: „Sagen wir so: Ich bin noch immer Feuer und Flamme.“ Während des Studiums der Fragedrang: Was mache ich aus meinem Leben? Am Kinder- und Jugendtheater Cottbus, dem oft preisgekrönten, weil so engagierten Piccolo ­Theater, einer Instanz in der Lausitz, lernte sie die Lust kennen, „politisch an Dinge heranzugehen“.

Derzeit, jeden Morgen vor der Probe: Tests. Die Corona-Zeit, so Susann Thiede, brachte Momente der „Schockstarre“, sie war und ist kein „Typ für Streaming und Ego-Performance“. Hauptmanns „Biberpelz“ war die erste Premiere im Großen Haus nach Monaten. Geschlossenes Theater, stockender Spielbetrieb, da konnte in dunklen Augenblicken der Gedanke aufkommen, „inzwischen im falschen Beruf“ zu sein. Aber der Spieltrieb sei treu und nicht zu verscheuchen. Sagt Lucie Luise und blickt ihre Mutter an. Schöne verkehrte Welt: Tröstet die Jüngere die Ältere?

Schon oft spielten sie gemeinsam. Susann Thiede als Polonius, Lucie Luise als Ophelia: „Professionalität hin und her: Im Klagen der Unglücklichen hörte ich meine Tochter. Jeden Ton, jede Schwingung spürst du anders als andere.“ Lucie lacht. „Ich kenne meine Mutter als absolut textsicher. In der Premiere von ,Pippi Langstrumpf“ überkam mich eine Allergie, das Gesicht schwoll zu, meine Mutter, neben mir auf der Bühne, stockte, wusste für Momente nicht, was sie zu sagen hatte.“

Ich frage Susann Thiede, ob sie im Theaterbetrieb je Angst um ihre Tochter hatte. „Hatte? Nein. Ich habe Angst.“ Es sind die Ängste vor dem, was die Mühlen des Theaters mit sich bringen. Kündigung, Entwurzelung …

Zuletzt traten sie zusammen in einer Geschichte von Ines Geipel auf, inszeniert ebenfalls von Armin Petras. Premiere Ende 2020. Erneut war das Virus der Spiel-Verderber. „Umkämpfte Zone“: Menschen im Clinch der DDR-Verhältnisse. Aufbau, Anpassung, Abseits, Ausreise. Eine Aufrechnung, ein Aufschrei. Zwei Frauen, eine Rolle; das Spiel gleichsam gesplittet: Die Thiedes als Schwester ihres sterbenden Bruders. Zwei Generationen, aber ein einziges altersloses Schicksal. Stark, wie die Gesichter beider Spielerinnen immer wieder ihre Schönheit widerriefen! Als seien Augen nur groß, damit die Angst Platz findet.

Die Welt will dauernd, dass wir ihr gerecht werden. Lucie Luise Thiede wirkt grundheiter unwillig, der Welt diesen Wunsch zu erfüllen. Eigene Wünsche, eigene Wege. Seit 2014 ist sie, nach Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, in Cottbus. War neben Ophelia auch Lessings Emilia: Es gibt eine Anmut, die vom Tode nichts weiß, wo es doch längst ans Sterben ging. Wenn du ein Herz erobern willst, musst du es brechen? Lucie Luise Thiede kann im Spiel das Wesen sein, dem der Wahn ein sehr, sehr scheues Du anbietet. Dann wieder sprüht da die Daseinslust einer Liebenden, die jenen Tränen nicht glauben will, die ihr irgendein Unglücklichsein übers Gesicht schmiert. Sie überzeugte mit Frische in erbe-schweren Ach-Gott-ach-Gott-Gestalten. Die Schauspielerin sieht sie aber auch kritisch: „Ich kann diese klassischen Figuren, die als tolle Rollen gelten, historisieren oder kommentieren. Aber der wirk­liche Brückenschlag ist schwierig. Dankbar war ich, sie zu spielen. Aber glücklich?“

Und das Gespräch zieht wieder in die Gegenwart. In Cottbus zu spielen, es heißt: „den Leuten hier möglichst nahe zu sein, diese Stadt hängt in Vergangenheiten und muss in die Zukunft“ (Lucie Luise Thiede), „und wir erzählen von den Wegen, Umwegen, Irr­wegen“ (Susann Thiede), und „deshalb sage ich gegen das Vor­-urteil, hier sei nichts: Doch, hier ist alles!“ (Lucie Luise T.), und „es ist keine Emanzipation wegzugehen“ (Susann T.), nee, „Emanzipation ist Bleiben, also: nicht Sprungbrett zu denken, sondern festen Boden – auf dem die Menschen in Bewegung sind“ (Lucie Luise T.). Susann Thiede: „Was heißt eigentlich Osten? Vielleicht, dass Leute noch immer den Verlierer-Stempel tragen. Tapfere Leute. Lauter Probleme, schwindender Glaube, zunehmende Irritation.“ Und zur Wahrheit gehöre, ergänzt Lucie Luise, „dass sich der Rechtsruck in Ostdeutschland durch alle Schichten zieht. Ich frage mich, welche Wunde da verdrängt wird. Vielleicht eine Wunde, die ihnen durch Eltern und Großeltern vererbt wurde. Ein Phantomschmerz?“

Engagiertes Gedanken-Tennis. Im Gespräch ist alles vorhanden, was Theater ausmacht: Unterscheidung, Gedächtnis und Freude. Wir reden, und es scheint ein wenig, als sänge die Lausitz-Legende Gerhard Gundermann aus den Wänden: Erst werden die Schutzengel über dem Revier arbeitslos, dann stirbt der Mensch? Nein, der Mensch lebt. Und Theater erzählt, was Schönheit ist: wenn das Leben an gefährdeten Stellen Glück hat. Gefährdete Stellen bleiben. Glück nicht. Aber jetzt hast du ein Bild davon. Es ist in Cottbus und seiner Gegend auch das Bild dieser beiden Schauspielerinnen. //

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