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Dynamische Fortsetzung

Die Münchner Biennale für neues Musiktheater

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Einfallsreiche Durchbrechung von Auffüh- rungskonventionen: die Münchner Musikbiennale. „Once to be realised“. Foto Thomas Aurin
Einfallsreiche Durchbrechung von Aufführungskonventionen: die Münchner Musikbiennale. „Once to be realised“. Foto Thomas Aurin

Einige der Uraufführungen im Münchner Programm vor zwei Jahren wurden nach dem ersten Lockdown noch im gleichen Jahr unter dem treffenden Titel „Point of NEW Return“ an verschiedenen Orten nachgeholt. Die künstlerische Leitung, Daniel Ott und Manos Tsangaris, wollte so die aufwendig vorberei­teten Produktionen retten und ahnungsvoll einen Stau in die folgende Ausgabe des ­Festivals für neues Musiktheater verhindern.

Die diesjährige Ausgabe ist als „Dynamisches Festival“ deklariert, mit mehreren Vorab-Aufführungen außerhalb Münchens und in online-Präsentationen, bevor dann im Mai das Hauptprogramm in München unter dem Motto „Good Friends“ stattfindet. Den Auftakt machte die schon für 2020 angesetzte Produktion „Once to be realised“, eine Begegnung mit dem griechischen Komponisten Jani Christou, in der für Neues mittlerweile legendären Tischlerei der Deutschen Oper Berlin.

Christou, Komponist und Avantgardist der szenisch erneuerten Musik-Performance in den 1960er Jahren, hinterließ bei seinem­ ­frühen Unfalltod 1970 in Athen ein umfangreiches Konvolut an Projektskizzen, insgesamt 130 sogenannte project files. Einige der durchnummerierten Entwürfe wurden nun von sechs Komponist:innen der Gegenwart adaptiert und in einem Parcours von dem griechischen Regisseur Michail Marmarinos inszeniert. Als roter Faden für die meist kurzen Hommage-Stücke von Olga Neuwirth, Samir Odeh-Tamimi, Christian Wolff, Barblina Meierhans, Beat Furrer und Younghi Pagh-Paan ist die einfallsreiche Durchbrechung von Aufführungskonventionen zu erleben. Auf der Straße geht es los, das Publikum geteilt in zwei Gruppen, von denen die eine dann in der Kantine der von Samir Odeh-Tamimi komponierten Verzweiflung eines erschöpften Pianisten beiwohnt, während die andere Gruppe zusammen mit einem kleinen Chor von draußen durch die Glasfassade zuschaut. Im „Sisyphos-Hof“ gibt es dann ein raumgreifendes Ausschwärmen der Sänger:innen in das verstreut stehende Publikum hinein. An den Wänden kann man weitere Projektskizzen studieren, in denen Christou seine revolutionären Vorstellungen von einem erweiterten Musik- und Tanztheater jenseits der Bühne festhielt. Falls solche Ideen vor fünfzig Jahren Opernfräcke und Ballkleider erschreckt haben könnten, sind sie heute auch im Musiktheater längst erprobte Praxis mit geringem Irritationsspielraum. Wenn dann auf der Bühne der Tischlerei alles konzentriert zueinander findet, geht es tatsächlich mit dem griechischen Ensemble dissonArt unter der Leitung von Cordula Bürgi allein um Musik mit ungewöhnlicher Perkussion und Gesang, vor allem in dem längeren, auch antike Bezüge aufgreifenden Stück ­„After Jani Christou“ von Christian Wolff.

Eine Irritation gelingt am Ende aber doch in Berlin, nachdem das Publikum mit den Musikern die Plätze getauscht hat und nach Beat Furrers „Akusmata I–VII“ vom gesamten Ensemble von der Tribüne aus beobachtet wird, wie es nur unsicher die Bühne verlässt oder einfach sitzen bleibt. Das ist ein Kontinuum zwischen Musik, Menschen, Raum und gewiss auch Geräuschen, wie es Jani Christou in seinen Überlegungen unbedingt interessiert hat. Die Uraufführung von Bernhard Ganders „Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr“ mit dem Libretto des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan in der Regie von Alize Zandwijk wird in München die aktuell brisanteste Produktion sein. Sie behandelt die Situation eines Grenzpostens zwischen Russland und der Ukraine, in der es keine richtige Entscheidung mehr gibt. //

7.–19. 5. „Good Friends“ in München: www.muenchenerbiennale.de

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