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Der Schattenmagier

Hansueli Trübs Schattentheater in Aarau

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Versuchslabor, in dem Schatten das Sagen haben: Hansueli Trüb in der Inszenierung „Shadows“ an der Bühne Aarau. Foto Chris Iseli
Versuchslabor, in dem Schatten das Sagen haben: Hansueli Trüb in der Inszenierung „Shadows“ an der Bühne Aarau. Foto Chris Iseli

Was ist ein Mensch ohne Schatten? Nichts, wie Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihl“ schmerzlich erfährt. Man kann die Frage auch umgekehrt stellen: Was ist ein Mensch mit Schatten? Viel, wie Hansueli Trüb – eine prägende Persönlichkeit des Schweizer Figurentheaters – in „Shadows“, einer Koproduktion von Das Theater-Pack und Bühne Aarau, zeigt. Trüb ist vom Schattentheater seit Jahrzehnten fasziniert. Präsentiert er nun, in der Regie von Astride Schläfli, seine „Shadows“, zieht er Bilanz über seine Versuche und Ergebnisse im Umgang mit dieser besonderen Theaterform.

Die klassische, rechteckige Leinwand gilt Trüb dabei nicht mehr als das A und O; stattdessen projiziert er auf bewegliche Elemente. Der Raum spielt dabei eine entscheidende Rolle. Steht Trüb die im Herbst 2021 eröffnete Alte Reithalle in Aarau zur Verfügung, ist das ein Geschenk. Sie nimmt einerseits durch das ungeschönte Gemäuer und das Gebälk sowie andererseits durch ihre riesige Dimension für sich ein. Kein Wunder, dass der Schattenmagier darin zu verschwinden scheint. Deshalb kann man ihn zu Beginn kaum orten, wenn er die spärlich beleuchtete Halle betritt und sich an schwer identifizierbaren Gegenständen zu schaffen macht. Schon bald wird jedoch klar, dass diese Bestandteil eines Labors sind, in das Hansueli Trüb einlädt: Das Publikum soll aus nächster Nähe sehen können, wie Schatten geformt und „gemalt“ werden.

Hansueli Trüb ist kein hochtourig agierender Theatermann; bedächtigen Schrittes durchquert er den Raum; rückt da und dort etwas zurecht; ergreift gleichsam nebenbei eine ellenlange Leine, an der eine Glühbirne befestigt ist. Trüb macht vieles damit; lässt die Leine unter anderem kreisen – und immer ist man gebannt von den Silhouetten, Geräuschen und Rhythmen. Christian Kuntner unterlegt den Vorgängen einen dunkel-unheimlichen, bisweilen auch raunenden oder metallischen Soundteppich. Dieser begleitet, unterstützt oder konterkariert Trübs Aktionen. Man sitzt da, ist verblüfft, wenn akustisch nicht das Erwartete, sondern das Unerwartete eintrifft. Das Ohr wird gewissermaßen wachgekitzelt, um das Visuelle mit größter Aufmerksamkeit zu verfolgen und auf sich wirken zu lassen.

Wie eine Spielzeugeisenbahn aussieht, überrascht niemanden. Überraschend ist jedoch, welche Wandlung eine Requisite erfährt. Zunächst erkennt man die von Trüb herbeigetragene Stele mit den Schlitzen zwar nicht, doch man will in ihr unbedingt einen CD-Ständer sehen. Irrtum. An einer bestimmten Stelle fährt die Eisenbahn in gleißendes Licht – und fährt an eben dieser Stele vorbei, die sich im Schattenwurf als Wolkenkratzer präsentiert. Dazu prasselt der Regen auf die Dächer einer Großstadt, die wir nicht sehen, aber erahnen können. Geräuschstrukturen und Klangfetzen verwandeln die Alte Reit­halle somit in ein Versuchslabor, in dem die Schatten das Sagen haben: Aus kleinen entwickeln sich große und umgekehrt. Hansueli Trüb selbst wirkt klein, aber seine Schatten sind raumfüllend: Sie werden auf die Hallenwände, das Dachgebälk sowie die federleichten, allerorten vom „Bühnenhimmel“ fallenden, seidenen Transparentbahnen geworfen. Diese Bahnen! Als kalte Luft in die Alte Reithalle strömt, bauschen sie sich oder wickeln sich um den Schattenmagier – und dies im Verbund mit Klängen, die von überall wie nirgendwo zu kommen scheinen. So geht das eine ganze Weile, bis die Geräusche verhallen und das Licht immer weniger wird – bis es am Ende erlischt. Zauberhaft. //

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