40 jahre kampnagel

Mit Besetzungsproben ging es los

40 Jahre Kampnagel und das Festival zum Jubiläum

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 „Navy Blue“ von Oona Doherty beim diesjährigen Sommerfestival auf Kampnagel. Foto Sinje Hasheider
„Navy Blue“ von Oona Doherty beim diesjährigen Sommerfestival auf Kampnagel. Foto Sinje Hasheider

Vor 40 Jahren war das hier Brachland, ein wilder Ort: Heute ist der Avant-Garten des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel so etwas wie der heimliche Place to be im Festival­kalender: Fast jeder Korbstuhl ist besetzt, man fläzt biertrinkend auf unbequem gezimmertem Holzmobiliar, blickt sich in einem durchsichtigen Spiegel an oder betätigt einen riesigen Blasebalg, um einen schiefen Ton zu erzeugen. Große pinke Faltobjekte ­stehen herum wie überdimensionales Spielzeug: Entworfen haben diese gelungene Avantgarde-Spielwiese Jascha Kretschmann und Franz Thöricht. Der Festivalcharakter gehört zu Kampnagel wie die rostige Vergangenheit als Fabrik für Großmaschinen. Als „Nagel & Kaemp“ wurde sie 1865 gegründet, später drehten sich die Namen um, „Kampnagel“-Kräne stehen bis heute an vielen Hafenbecken der Welt. Im Zweiten Weltkrieg war es ein Rüstungsbetrieb, in dem Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen schuften mussten. Bis 1981 ­gingen hier Gabelstapler vom Band. Und dann kam das Theater.

Das Deutsche SchauSpielHaus wurde renoviert, brauchte eine Interims-Spielstätte, und die fand es hier, auf Kampnagel, ab 1982. Im Oktober desselben Jahres konnten freie Gruppen ein erstes Festival veranstalten, „Besetzungsproben“ hieß es. Corny Littmann war der heimliche Leiter. Sein Tourneetheater Familie Schmidt trat sogar in der riesigen Halle K6 auf, füllte die Ränge. Später waren Peter Brook zu Gast, der italienische Clown Leo ­assi, und 1984 zog das SchauSpielHaus zurück an die Kirchenallee. Die freien Gruppen durften zunächst bleiben, die Idee war:
raus aus den Stadttheatern, rein in die leeren Industriehallen. „Natürlich“, sagt Corny Littmann, „war das der Versuch, in anderen Umgebungen neues Theater zu entwerfen, was an den Stadttheatern gar nicht möglich war. Ist ja zum Gutteil auch gelungen“. Und immer drohte die Abrissbirne.

SchauSpielHaus-Betriebsdirektor Gerd Schlesselmann setzte sich vehement für den Erhalt des Ortes als Theater-Spielstätte ein. Schließlich wurde der Abriss 1984 per Senatsbeschluss ausgesetzt. Corny Littmann erinnert sich: „Wir ­waren in der konventionellen Theaterwelt nicht unbedingt wohlgelitten, aber das war ja sehr vielfältig, sehr aufregend, sehr improvisiert auch, da gab es genug interessiertes Publikum daran“. Der Spielplan entstand im Kollektiv: „Es gab ­einen Topf, wo jeder seine Zutaten reingeworfen hat“. Tanztheater, Performance, Selbstgeschriebenes. Und manchmal tanzte John Neumeiers Kompanie in der größten Halle K6, das lockte dann auch ein bürgerliches Publikum an. Ansonsten kam laut Corny Littmann „eine junge Alternativ-Szene, so was gibt es ja heute nicht mehr“. 1984 gab es das erste Sommer­theater-Festival.

1985 übernahm das Duo Hannah Hurtzig und Mücke Quinckardt die Leitung, und 1986 sorgte Barbara Nüsse mit „Penelope“ in der Regie von Ulrich Waller für einen europaweiten Theatererfolg. Kampnagel etablierte sich mit einem regelmäßigen Spielplan, die Abrissbirne fegte in den 90er Jahren zwar die Fundushalle am Kanal weg. Umgeben von neuen Wohn- und Bürogebäuden blieben aber die zentralen Hallen 1 bis 6 erhalten. Nach Res Bosshart und Gordana Vnuk wurde 2007 Amelie Deuflhard neue Intendantin. Sie eröffnete mit dem Festival „Besetzungsorgie“, eine Referenz an die wilden Anfänge 1982. Nachdem Kampnagel 2020 Staatstheater-­Weihen erhalten hatte und im Mai 2022 das international ­renommierte Architekturbüro Lacaton & Vassal für die General­sanierung bestimmt wurde, verzeichnete nach zwei Jahren Pandemie die neueste Ausgabe des Internationalen Sommerfestivals gute Zahlen: Mehr als 30.000 Besucher und Besucherinnen kamen diesen Sommer.

Das künstlerische Highlight war gleich zu Beginn Oona ­Dohertys „Navy Blue“, eine brüchige, rohe Choreografie mit ­12 Tänzern und Tänzerinnen zu Rachmaninows zweitem Klavierkonzert. Der erste Teil ist eine Auslöschung. Schussgeräusche zerfetzen die Akkorde, als würden Scharfschützen sie alle, eine nach der anderen, niederstrecken. Bis aus den Körpern am Boden blaues LED-Blut fließt. Das Blau wird hier zur Farbe der Depression, zur Farbe des Übergangs, legt sich als Teppich über die Bühne. Das Stück ist eine radikale Absage an das Verwertungsprinzip von Kunst, eine verstörende Anklage gegen menschliche Brutalität. Überhaupt zeigen viele der Stücke Übergänge zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Hölle, zwischen „Nicht mehr“ und „Noch nicht“. Der vierte Teil des kultigen Puppenmusicals „The Season“ etwa, wo der Kanadier Josh „Socalled“ Dolgin sein grandioses Ensemble eine todtraurige Geschichte erzählen lässt, in der sich ein Alien in einen Bären verliebt und beide sich ver­passen. Dieses Puppentheater, begleitet vom Kaiser Quartett, ist kluges, spielerisches Theater, in dem das menschliche Glück den scheinbar naiven Ausdruck einer augenrollenden Handpuppe ­annimmt. Bestes Showpotenzial, sehr lässige Pointen und eine Sternschnuppe am Schluss über einer kaputten Welt: Irgendwo gibt es noch Hoffnung.

Nicht wirklich gelungen ist das Andy-Warhol-Musical „Trouble“, in dem sich der amerikanische Star-Filmregisseur Gus Van Sant („My Own Private Idaho“, „Good Will Hunting“) zum ersten Mal auf einer Bühne versucht. Leider entsteht mit seinem sehr jungen, sehr beherzten portugiesischen Ensemble nicht wirklich radikales, sondern eher konventionelles Glitzertheater, fades Nachbuchstabieren von Lebensstationen. Den lauten Schlussakkord bot Florentina Holzingers mit der Zeit ermüdender Höllentrip „A Divine Comedy“.

Was diese Festivalausgabe auszeichnet, ist der Schwerpunkt, der auf die schwarze Kultur gelegt wird. Etwa im Deutschen Museum für schwarze Unterhaltung in einem ehemaligen Kaufhaus in Hamburgs Innenstadt. Und dann der Festivalgarten. In seiner Mitte steht das Migrantpolitan, ein quaderförmiger Pavillon. Oben, in den Ästen der Pappeln, hängen bunte Lichtstäbe, auf dem Dach kreist eine Diskokugel, die Lichtsplitter in das Laub und auf die rostigen Pfeiler der Kräne wirft. Auf der Wiese ein Tischkicker, kleine Spieltische, ein Planschbecken: Hier steht das Solicasino. Ein solidarisches Casino, wo man Geld gewinnen kann, um es sofort wieder zu verlieren, an einen guten Zweck nämlich: Das Geld fließt zurück in die Unterstützung von Theatergruppen, die hier arbeiten. Solidarität, Respekt, kulturelle Vielfalt und viel Humor: Das ist die DNA von Kampnagel, 40 Jahre lang seit seiner Gründung. //

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