40 jahre kampnagel

Das Kraftzentrum

Amelie Deuflhard im Gespräch mit Peter Helling über Geschichte und Zukunft der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel

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Gerade kommt Amelie Deuflhard von einem dreitägigen Workshop mit dem Architektenteam Anne Lacaton & Jean-Philippe Vassal. Die Pritzker-Preisträger:innen sollen Kampnagel in den nächsten Jahren umbauen und sanieren. Jetzt sitzt die Inten­dantin im Avant-Garten, dem Festivalgarten des Internationalen Sommerfestivals, unter den rostigen Kranen. Hinter ihr ragen die großen Hallen der ehemaligen Fabrik auf. Das Ganze hat auch nach 40 Jahren den Charme einer liebevoll heruntergekommenen Off-Spielstätte. Und den soll Kampnagel, inzwischen Hamburgs viertes Staatstheater, behalten, selbst die Graffitis sollen teilweise bewahrt werden. Die quietschenden Tribünen in den Hallen ge­hören aber bald der Vergangenheit an, verspricht Amelie Deufl­hard lächelnd, die in diesem Jahr mit dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet wurde.

Amelie Deuflhard, können Sie uns verraten, was das international renommierte Architektenteam mit Kampnagel vorhat?

Um bei einer Instandsetzung und Modernisierung Kampnagels nicht die ursprüngliche Identität des Ortes zu verlieren, gilt es, die Erinnerung an die alte Fabrik und den Geist des Ortes zu be­wahren, ohne in Nostalgie zu verfallen, sondern mit größtem ­Anspruch die bestehende Dynamik des Theaters zu unterstützen und seine Weiterentwicklung zu fördern. Lacaton & Vassal, das Pariser Architekturbüro, setzt auf umsichtige Sanierung der ­Fabrikhallen. Dabei werden Sichtlinien, Tageslicht und Transparenz wiederhergestellt. Lacaton & Vassal werden nutzer- und ­zukunftsorientiert, effizient und nachhaltig bauen. Technisch benötigt Kampnagel modern ausgestattete Bühnen- und Proben­räume, ausreichend Stauraum für Technik und Bühnenbilder. Es wird ein Residenzhaus gebaut, um den Campus abzurunden und Künstler:innen aus der ganzen Welt für längere Proben- und Entwicklungszeiten nach Hamburg zu holen. Dieses herausragende Architektenteam nimmt sich Zeit, die Bedarfe der Nutzer:innen präzise zu eruieren. Es wird keine „Signature Architecture“ ­geben, sondern eine Architektur, die allen Nutzer:innen eine ­möglichst große Freiheit beschert. Diese Strategie knüpft an die ­Geschichte Kampnagels an, denn Kampnagel wurde 1982 von Künstler:innen erobert, um eine andere Freiheit zu haben als bei der Arbeit an klassischen Bühnen. Nach 40 Jahren Kunst-­Geschichte wird Kampnagel jetzt in die nächsten 40 Jahre „getuned“. Mit der Verbindung von modernen Bauteilen, aktuellster Technik und geradezu archäologischem Herausschälen der Fabrik.

40 Jahre Kampnagel, davon sind Sie 15 Jahre Intendantin: Das, was hier gedacht und realisiert wurde, ist heute längst „state of the art“ und auch die Stadt- und Staatstheater versuchen sich zunehmend an diesen Arbeitsweisen: offene Strukturen, freies Bespielen, Diversität, flache Hierarchien. Ist Kampnagel für Sie ein Kraftzentrum für das Theater insgesamt?

Auf jeden Fall. Und Kraftzentrum/Kraftwerk wollen wir ganz ­konkret – also energetisch – werden. Unser Ziel ist mindestens CO2-Neutralität nach dem Umbau und permanente Einspeisung von Energie ins Netz. Die Energie, die hier seit 40 Jahren frei­gesetzt wird, seit die ersten Künstler:innen die Fabrikhallen mit den ­sogenannten Besetzungsproben eingenommen haben, wird bis heute in die Stadt eingespeist. Und es gab über die Jahre viele Beteiligte: Ulrich Waller, Corny Littmann, Hannah Hurtzig, Mücke Quinckhardt, Barbara Bilabel, Barbara Nüsse, Peter Brook, John Neumeier ... und so viele mehr. Eine gesunde Mischung aus Hamburger Bürgertum, Künstler:innen, Sammler:innen, Gale­rist:in­nen. Kampnagel war von Anfang an ein Kraftzentrum, ein Haus für die ganze Stadt – ein Stadttheater im besten Sinn, auch wenn die Struktur bis heute eine ganz andere ist. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen Kampnagel ein Ort für Nachwuchs­künstler:innen war, die sobald sie bekannt wurden, ans Stadttheater gewechselt haben. Die wichtigsten und berühmtesten Gruppen der Freien Szene in Deutschland wie Rimini Protokoll, She She Pop, Monika Gintersdorfer oder God’s Entertainment produzieren mit großer Vorliebe an internationalen Produktionshäusern wie Kampnagel, HAU Hebbel am Ufer oder am Mousonturm. Künstler:innen wie Yoko Ono hat ihr Deutschlandkonzert auf Kampnagel gespielt, weil sie von ihren New Yorker Freunden gehört hat, dass es hier so cool ist. Oder Christoph Schlingensief, eine Legende, einer der wichtigsten Theatermacher/Universalkünstler unserer Zeit, hat sein letztes Projekt auf Kampnagel ­gemacht. Weil er sich wohl fühlte mit all unseren Bezügen zu Theater, Tanz und Musik aus Westafrika, wo er dabei war, sein OPERNDORF aufzubauen. Aber auch weil er die Gastlichkeit und Gastgeber:innenschaft auf Kampnagel schätzte. Gemeinsam mit Kampnagel hat er „Via Intolle­ranza II“ produziert mit Spieler:innen aus seinem Team und aus Burkina Faso. Ein Meisterstück.

Wenn ich an Schlingensiefs Vision seines Operndorfs in Burkina Faso denke und hier in das Gelände von Kampnagel gucke, kommt mir der Gedanke: Ist das hier auch ein visionäres Dorf? Es hat diese Offenheit, den Garten mit Pavillon, die großen Hallen, den Tischkicker, das Planschbecken neben der hippen Avantgarde-Bühne. Avantgarde zum Anfassen?

Auf jeden Fall, Kampnagel ist mehr als ein Theater oder ein Kunst-Ort, das sieht man ja auch hier, wenn man so wie jetzt abends im Festivalgarten sitzt. Als ich hier angefangen habe vor 15 Jahren, hatten wir schon diesen Begriff der „Besiedlung“ in unserem Konzept. Das Migrantpolitan und davor die Ecofavela sind Beispiele für diese Besiedlung. Und bald, 15 Jahre nach unseren ersten Vorschlägen, werden Residenzwohnungen für Künstler:innen gebaut. Das Gelände wird zum Campus, auf dem man endlich auch wohnen kann, auf dem Austausch und Inspiration produziert werden. Mit dem Residenzhaus wird ein sehr großer Bedarf eingelöst. Besiedelt wird das Gelände aber auch von den rund 140 Menschen, die hier oft nicht nur arbeiten, sondern auch Teile ihrer Freizeit verbringen. Und von unserem Publikum, das wir mit unterschiedlichen Strategien dazu verführen, möglichst lange zu bleiben und nicht sofort nach der Vorstellung zu verschwinden. Dafür installieren wir mit Kunstverstand und Aufwand alljährlich Orte wie unseren Sommergarten. Oder die Stadt bekannten ­Premierenfeiern, wo an langen Tischen das ganze Premieren­publikum zum Verweilen eingeladen wird oder Veranstaltungen wie Solicasino, Queereeoke oder Clubpartys. Das Erlebnis Kampnagel soll mehr sein als Kunst gucken und danach nach Hause gehen. Über die Fragen und Anregungen, die die Kunst produziert, soll man sich hier austauschen können. Der Avantgarten wurde seit 2015 immer mehr ausgeweitet und vom Sommergarten zum ganzjährigen Garten entwickelt – prozessual. Es ist ein ganz lebendiger Ort. Und im Sommer wachsen seit der Sanierung des Migrantpolitan unterschiedliche Kräuter, Himbeeren, Kartoffeln, Kürbisse, Zucchini und Tomaten. (lacht)

Seit 2020 ist Kampnagel das vierte Staatstheater Hamburgs: Wie verhindern Sie, dass die Strukturen starr werden, dass man sich in so einer Art „Avantgarde-Zirkus“ gefällt?

Da mache ich mir keine Sorgen. Was in der Corona-Zeit sehr geholfen hat, war, dass unsere Mitarbeitenden unterstützt wurden wie die Mitarbeitenden von anderen Staatstheatern. Finanziert sind wir leider noch nicht so umfänglich wie andere Staatstheater auch wenn unsere Förderer das manchmal denken. Ohne die ­Akquise von erheblichen Drittmitten können wir keine Kunst ­machen. In Bezug auf Strukturen arbeiten wir derzeit mit dem gesamten Team an einem Transformationsprozess. Ziel ist es, ­Zukunftsstrukturen für einen nachhaltigen Kulturbetrieb zu finden und zu einem Modellbetrieb zu werden. Eine große Aufgabe. Wir wissen, dass sich unsere Gesellschaft in ständigem Wandel befindet - das haben die Pandemie, der Krieg in der Ukraine,
die Klimakatastrophen noch sichtbarer gemacht. Darauf müssen wir als Kulturinstitution reagieren und wollen Vorbildcharakter ­haben. Wenn alles um uns herum in Veränderung ist, macht es keinen Sinn, an alten Strukturen festzuhalten. Wir haben die Chance, Visionen zu entwickeln, die sich auf andere Lebensbereiche außerhalb der Kunst übertragen lassen.

Es kommen Ensembles, Künstler und Künstlerinnen aus aller Welt hierher, was suchen die hier, oder andersherum: Was finden sie hier auf Kampnagel?

Ich kann mich nicht erinnern, dass eine internationale Künstlerin sagt: Nee, zu Kampnagel will ich nicht kommen. Okay, bei Yoko Ono musste András Siebold seine gesamtes Potenzial an Verführungskunst auffahren. Und wir hatten Glück, denn Yoko Ono wollte ohnehin vor kleinem Publikum spielen. Da war unsere größten Halle K6 mit 840 Plätzen genau richtig. (lacht). Da unsere Dramaturgie, unsere Kurator:innen sehr nah an den Künstler:innen sind, ist Kampnagel ein Ort, an dem sich viele unserer Gäste überwiegend gut betreut und meistens auch sehr wohl fühlen. Wir beraten auch Künstlergruppen in Sachen Finanzen, teilweise helfen wir bei Anträgen. Das künstlerische Team und ich selbst sind immer sehr präsent im Haus. Diese Nähe und Nahbarkeit machen auch den besonderen Geist von Kampnagel aus. Und wir haben ein großartiges Publikum, kenntnisreich, neugierig und verbunden mit uns, unseren Künstler:innen und mit Kampnagel.

Kampnagel ist auch ein Ort aktueller Debatten: Ob Flucht und Vertreibung, ob Black Lives Matter, Diversität, alles wird in verschiedenen Formaten diskutiert. Sie haben selbst Anfeindungen von Rechts erlebt – gibt es den Anspruch von Kampnagel, ein ­politisches Forum zu sein?

Absolut! Von rechts angefeindet zu werden, schreckt mich nicht, sondern bestärkt mich vielmehr darin, uns mit unserem Programm ganz klar und offensiv gegen rechts und gegen rassistische Bewegungen zu positionieren.  Konkrete Anfeindungen, wie damals die Strafanzeige gegen mich von der AfD, gab es schon lange nicht mehr. Die Neue Rechte agiert weiterhin mit gefährlichen und subtilen Methoden. Deshalb sehen wir Kampnagel als wichtigen Debattenort, versuchen Strukturen offen zu legen und aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren. Auch Transformationsthemen wie der Klimawandel sind auf unserer Agenda. Ich finde es wichtig, dass man brennende gesellschaftliche Themen, und dazu gehören auch Post-Kolonialismus, Rassismus und Diversität künstlerisch bearbeitet. Und selbst das reicht nicht aus. Wie schafft man es, die Institutionen diverser zu bekommen? Auf den Bühnen war Kampnagel schon immer international, aber wie schafft man es auch die Belegschaft und das Publikum zu diversifizieren? Wie schaffen wir es, Zuschauer:innen unterschiedlichster Herkünfte und Klassen im Zuschauerraum zu vereinen? Das ist aus meiner Sicht die Zukunftsaufgabe fürs Theater. Die muss man angehen, anstatt über Zuschauerschwund zu klagen und zwar jetzt. Das ideale Publikum würde die gesamte Stadtgesellschaft repräsentieren – diesem Ideal sollten wir uns Schritt für Schritt annähern.

Die Kulturfabrik Kampnagel wird in diesem Herbst 40 Jahre alt: Was wünschen Sie sich für die nächsten 40 Jahre?

Dass wir uns ernsthaft daran machen, die Klimakrise zu stoppen. Langsam müssten wir alle merken, dass wir uns selbst unsere Lebensgrundlage entziehen. Neulich hat mich jemand gefragt, ob ich mir vorstellen kann, dass die Kunst stirbt. Nein, Kunst stirbt nie, die Kunst wird immer leben, die kann nicht sterben. Aber wenn wir unsere Umwelt total zerstören, und da sind wir wirklich schon kurz davor, dann hat auch die Kunst irgendwann keinen Existenzraum mehr. //

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