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Aus dem Arsenal des Meisters

Bühnen-Objekte Bert Neumanns im mecklenburgischen Klempenow

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Rückblick und Ausblick. Foto Undine Spillner
Rückblick und Ausblick. Foto Undine Spillner

Was da wohl gelaufen wäre, mit der Burg als Bühne, Vorpommern als Kulisse, reines Prospekt-Theater aus Landschaftspanoramen. „Warten auf Godot“ vielleicht, denn viel passiert ja nicht so rings um Altentreptow, wobei es so still gar nicht ist, denn links und rechts der Burg rauschen die Autos vorbei. Auf einer Seite zieht die A20 eine Schneise durch die Landschaft, auf der anderen die legendäre B96, die Sehnsuchts-Transitstrecke der Ber­liner Richtung Ostsee. „Raststätte 1km.Bert Neumann Vol. 2“ heißt deshalb eine Ausstellung, die schon im Sommer, genau am 30. Juli, am 7. Todestag des Bühnen- und Kostümbildners Bert Neumann, eröffnet wurde und just zu Ende ging. Initiiert von der Bert Neumann Association, die seit 2018 als gemeinnützige Stiftung dessen Archiv verwaltet.

Nach dem Bert-Neumann-Motto „Man nimmt eben das, was da ist“ haben sich ­Lenore Blievernicht und Thilo Fischer inspirieren lassen und aus dem, was da ist im künstlerischen Nachlass, eine Ausstellung konzipiert. Ausdrücklich keine Retrospektive sollte es sein, obwohl die fällig wäre. Aber das war auch gar nicht der Plan. Abgesehen davon, dass es die Bühnenbilder so gar nicht mehr gibt, gehören sie da hin, wofür Bert Neumann sie entworfen hat – ins Theater. Im Archiv der BNA befinden sich noch einzelne Objekte aus den Arbeiten, nicht nur aus der Volksbühne, sondern auch aus seinen Arbeiten in anderen Häusern. „Das Spannende daran ist, dass­ ­diese Objekte miteinander korrespondieren.“ So Blievernicht. Die Objekte, Klanginstallationen, Neonschriften und Bildwände wirken deshalb wie aktuelle Positionen einer ins Mittel­alter gebeamten contemporary-Art-Schau.

Die Burg Klempenow aus dem 12. Jahrhundert wird seit 1991 von dem Verein Kultur-Transit 96 saniert und bewirtschaftet. (Sensation ist unter anderem ein mittelalter­liches Plumps-Klo, das wie ein Schwalbennest am Turm klebt.) Alles ist begehbar und besteigbar und zum Anfassen, es stehen zum Glück keine Ritterrüstungen oder verstaubte Antiquitäten herum. Im Burghof gibt es ­Kuchen und vegetarische Bratklopse, es gibt einen Konzertraum und eine Galerie, eine Kanu­station und einen Campingplatz. Fast alles läuft hier ehrenamtlich. Auch die Betreuung der Ausstellung durch Vereinsmitglieder. Und die bewachen die Schätze von einem dicken braunen Lehnsessel aus, den eingefleischten Volksbühnen-Fans sicherlich sofort wiedererkennen. Wenn man bedenkt, was das Möbelstück in der letzten Castorf-­Inszenierung von Ibsens „Baumeister Solness“ (bis hin zum letzten Abend dieser Ära) so ­alles erlebt hat, wirkt es in diesem Burgsaal wie ein verschmitzter Rentner, der es faustdick hinter den Sessel-Ohren hat. Die Leuchtschrift „I want to believe“ aus „Meister und Margherita“ beleuchtet programmatisch den Turmaufgang. Die Stalin-Bodenplane, aus einem der letzten Bühnenbilder von Bert Neumann, auf dem sich im roten Coca-Cola-Dress einst Marc Hosemann als Dimitrij Fjodorowitsch Karamasow in seinen Rubeln wälzte, funktioniert hier als Auslegeware für eine ­Reihe ­weißer Monobloc-Plastik-Stühle – die Augenkrebs verursachende Seuche des ­21. Jahr­hunderts –, die in keinem Bühnenbild von Bert Neumann fehlten. Und die auch in dieser Ausstellung mehr als Sitzgelegenheiten zu sein scheinen, fast salonfähig werden, irgendwie versöhnlich, eben Kunstobjekte. Alle Exponate in der Ausstellung sind zwangsläufig aus ihrem Kontext gerissene Zitate. Und erzählen in einer künstlerischen Neuinterpretation eine eigene Story. Die Kuratoren haben sich die Freiheit genommen, eigene hinzuzufügen. So überwältigt zum Beispiel die schwarz-weiße wandgroße Fotografie „Okla­homa Land Run“, ein ikonisches Zeugnis kolonialer Aneignung indigener Gebiete. Die so­genannten land runs ermöglichten 1862 amerikanischen Siedlern ein Anrecht auf Land, von dem vorher Indianer vertrieben worden waren – nach dem Prinzip: Wer als Erster da ist, kriegt das Beste! Das Prinzip hat sich auch in der Umgebung der Burg Klempenow in den vergangenen Jahrhunderten mehrere Male wiederholt. Zuletzt noch einmal vor 30 Jahren, beobachtet auch von Bert Neumann, aus einem der Nachbardörfer, in dem er ein Haus hatte. Das Wandbild ­korrespondiert direkt mit den Rokoko-Kostümen aus dem Pollesch-Stück von 2009 „Ein Chor irrt sich gewaltig“. Über Krinolinen und Korsagen bauschen sich da Rüschen und ­üppige Lagen afrikanischer Stoffe – als an­geeigneter Kulturraub, dem man auch im Turmgeschoss noch einmal mit einer Klanginstal­lation begegnet: Aus der Zeit gefallene Druckkammerlautsprecher schnarren eine „Tosca“-Aufnahme von 1957, abwechselnd mit frühen Aufnahmen indigener Gesänge der Cherokee, unter anderem ebenjenem Volk, das dem Oklahoma Run weichen musste. Deren Musik als naiv und klanglos, quasi tierisch, aufgenommen wurde. Mit inhaltlichem Bezug zu Giacomo Puccini, der von Zeitgenossen als Schnulzen-König abgewertet wurde, dessen Musik aber bis heute tiefste Gefühlsebenen bewegt. Bert Neumann liebte Puccini-Opern!

Für die Kuratoren war bei dieser Ausstellung das erste Kriterium der Raum. „Eine 800 Jahre alte Burg erfordert eine andere ­Umgangsweise als ein White cube in einem ­Museum oder einer Galerie.“ Sagt Lenore ­Blievernicht. „Das zweite Kriterium war der Ort: Wir wären nicht in Klempenow gelandet, wenn Bert Neumann nicht zehn Minuten entfernt seit 1995 dort gelebt und gearbeitet hätte.“

Es ist die zweite Ausstellung nach der Prager Quadriennale 2018, mit Objekten seiner Bühnenwelt. „Wenn ich mir ein Museum als Endlager von Kunst anschaue, bin ich ganz froh, dass ich dort nicht landen werde“, hat Bert Neumann einmal gesagt. Auch Zurück­blicken war nicht seins. Die Bert Neumann Association, kurz BNA, konzipiert ein Archiv, das ausdrücklich eine Arbeit mit dem Werk und nicht über das Werk erlaubt. Lenore ­Blievernicht und Thilo Fischer haben es mit dieser Ausstellung vorgemacht. //

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