Protagonisten

Die Aufbruchsbereiten

Ein Besuch in Kopenhagen bei Mille Maria Dalsgaard und Mareike Mikat, der künftigen Doppelspitze am neuen theater Halle

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Mille Maria Dalsgaard und Mareike Mikat. Foto Franz Wenzel
Mille Maria Dalsgaard und Mareike Mikat. Foto Franz Wenzel

Hier würde man kein Theater vermuten. Ein paar Bahnstatio­nen südlich vom Stadtzentrum Kopenhagens führt ein unscheinbarer Weg in eine Parkanlage zu einer Friedhofskapelle. Das Gebäude für Bestattungszeremonien war schon seit Jahrzehnten stillgelegt, als Mille Maria Dalsgaard hier vor rund zehn Jahren mit dem von ihr gegründeten Sydhavn Theater einzog. Ob es damals nicht ein gespenstischer Ort für Theater gewesen sei? „Nein, es war ein stiller Ort, der einst für bestimmte Rituale geschaffen wurde. Also sehr geeignet für Theater“, erinnert sich Dalsgaard an einem der letzten warmen Sommerabende bei einer Dernière-Party vor der Kapelle. Demnächst wird das Gebäude für die Bedürfnisse des Sydhavn Theaters umgebaut, das die Trauerhalle für Aufführungen und einen Eingangsraum als Foyer nutzt. Dann, ab Beginn der Spielzeit 2023/24, wird Mille Maria Dalsgaard schon Intendantin in Halle sein, zusammen mit Mareike Mikat als stellvertretender künstlerischer Leiterin. Mikat ist an diesem Wochenende nach Kopenhagen gekommen, denn es ist die Feier eines großen Jubiläums des dänischen Theaters, und das Sydhavn Theater begeht es ganz speziell in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.

Am 23. September 1722 wurde zum ersten Mal ein Theaterstück in dänischer Sprache aufgeführt, Molières „Der Geizige“. Ein paar Tage später folgte das Debüt des dänisch-norwegischen Klassikers Ludvig Holberg, dessen Stücke die Kopenhagener ­Theater zum Jubiläum bieten. Aber die Geburtsstunde für dieses dreihundertste Jubiläum war nun mal mit Molière verbunden. Dals­gaard hat sich für die Feier eine Prozession ausgedacht, die von einer Flötistin mit Bach-Stücken eingeleitet wird. Alle, die mitmachen wollen, bekommen am Bahnhof Sydhavn einen Schnaps und die Schablone einer Barockperücke, die man sich an einem Stab über den Kopf halten kann. Dalsgaard selbst ist als eine Art Prinzipalin in rosa Tüll verkleidet, ein Spruchband fordert „Theater für den Weltfrieden”. Ja, das ist jetzt nicht der heilige Ernst zum großen Jubiläum, eher Understatement mit Humor. Als der kleine Umzug ein paar Straßen weiter an einer langen gedeckten Tafel ankommt, hält Dalsgaard noch eine Rede an die Theatergemeinde, bei der sie auch aus Holbergs „Der politische Kannegießer“ zitiert, der in Dänemark immer noch ein großer Spaß in Sachen politischer Hochstapelei ist. Dann geht es ans gesellige Tafeln. Pizza, Torte, Salate, fast alles kommt aus ­Läden und Lokalen der Nachbarschaft. Das Sydhavn Theater war und ist in dem ruhigen, vor allem durch Wohnbauten geprägten Stadtteil verwurzelt – Community Theatre, könnte man sagen, obwohl es künstlerisch auch schon ganz anderswo unterwegs war und dafür inzwischen weithin anerkannt ist. Für die Prinzipalin in Rosa ist das Gleiten zwischen verschiedenen Theatersphären offenbar eine ganz natürliche Sache.

Dalsgaard ging zum Studium an die ETI Schauspielschule Berlin. Einer ihrer Lehrer war Friedo Solter, der nach seiner langen Regiekarriere am Deutschen Theater Berlin dort unterrichtete. Es galt ein strenger Maßstab für Sprechkultur. Akzent galt nicht als internationalistisch chic, sondern wurde in langen Übungen weggefeilt. Dalsgaards Deutsch ist kaum zu verorten. Irgendwie perfekt mit einer charmanten Irritation. Als sie am Ende ihres Studiums in Berlin Mareike Mikat kennenlernte, die wiederum gerade die Regieklasse der Ernst-Busch-Schule abschloss, taten sich die beiden jungen Frauen das erste Mal zusammen. Mikat, 1978 in Frankfurt/Oder geboren und in den wilden neunziger ­Jahren des Ostens vor allem von Armin Petras’ Theater geprägt, empfahl der frisch ausgebildeten Freundin, in Halle am Thalia Theater bei Annegret Hahn vorzusprechen. Mikat selbst würde als Regisseurin ab 2007 an das Haus folgen. Und so klappte es das erste Mal in Halle mit einer Zusammenarbeit, auch wenn Mikat als viel reisende Regisseurin bald schon wieder wegging und Dalsgaard in mehreren Spielzeiten erstmal Stadt und Leute in einem Theaterbetrieb kennenlernte, der zwar nominell als Kinder- und Jugendtheater ausgewiesen war, aber irgendwie doch mit dem zweiten Theater der Stadt, dem einst legendär von Peter Sodann gegründeten neuen theater, konkurrieren wollte. Vollbetrieb für eine junge Schauspielerin. Inzwischen trat Mikat, ganz in der Nähe an Leipzigs kleiner Experimental-Spielstätte Scala, vor allem mit zeitgenössischen Stücken im Programm von Sebastian Hartmanns Stadttheater neuen Typs hervor, was eine Schule des angstlosen Angangs neuer Mittel und Stoffe gewesen sein dürfte. 2010 kehrte Dalsgaard nach Kopenhagen zurück, mit Ideen und Erfahrungen im Gepäck, die aus der eigenen Schauspielarbeit und vor allem aus der Beobachtung der jüngeren Theatergeneration in Deutschland kamen. Für diese gab es keinen Kanon mehr, sondern es galt immer Neues zu entdecken, wofür stets ein aktueller Ansatz gesucht wurde. Formen und Erzählweisen mussten sich nicht an Tradiertem orientieren. Es waren auch die Jahre, in denen eine neue Generation von Regisseurinnen im deutschen Theater angekommen war, wenn auch nicht immer auf den besten Plätzen. Gleichzeitig hatten strukturelle Veränderungen die freie Szene umgekrempelt. Aus den kleineren Theatern waren Produktionshäuser geworden, die zum Teil international erfolgreiche Gruppen koproduzierten, die wiederum mit den einst beargwöhnten Stadttheatern keine Berührungsängste mehr hatten. Und selbst im Kindertheater waren neue Impulse zu finden. Das Sydhavn Theater hat vielleicht von alldem etwas aufgenommen, aber dass es in Kopenhagen, noch dazu in einer Randlage, funktionieren würde, war keinesfalls sicher. Schritt für Schritt zu großer ­Anerkennung und nun in eine sichere Zukunft, das ging auch über das deutsch-dänische Frauenduo. 2014 inszenierte Mikat eine Nach-dem-Stück-von-Ibsen-Version „Nora – ein mobiles ­Puppenheim“ mit Dalsgaard als Nora, ein Stück, das als Public Parcours mit echtem Wohnwagen ein riesiger Aufregererfolg war. Die Insze­nierung wurde im Fernsehen ernst diskutiert, und ­Bilder von ihr sind nun Teil der Fotoinstallation zu dreihundert Jahren ­Theater, die auf dem Rathausplatz mit Bildern von anderen dänischen Theaterlegenden aufgestellt wurde. Ähnliches gelang nochmal im vergangenen Jahr mit „Ditte Menschenkind“ des dänischen Schriftstellers Martin Anderson Nexö, der am Ende seines Lebens in die frühe DDR emigrierte und heute durchaus nochmal neu bewertet werden kann. Darüber möchte die quirlige Mikat, die innerhalb eines Satzes zwischen dem frühen Petras und der Arbeit mit entfesselten dänischen Schauspielern springt, gleich zu einem langen Vortrag ansetzen. Aber die beiden wollen nun noch etwas zeigen, was sie unbedingt nach Halle bringen wollen. Theater für die Allerkleinsten (ab zwei Jahre) gibt es inzwischen auch in Deutschland, aber hier in Kopenhagen ist Theater für noch kleinere Wesen zu erleben. Für Babys ab zwölf Monaten, die Licht, Raum und die ­Magie zweier sie anspielender Tänzerinnen im Liegen erleben können: Theater als erstes Zaubererlebnis, noch vor dem Begreifen. Ein vorsprachliches Theater, das doch schon Theater ist.

Geburt und Tod, Mille Maria Dalsgaard und ­Mareike Mikat – beide übrigens auch Mütter – scheinen in einem die ganze Welt umfassenden Theater zu stehen. Furchtlos und mit vielen Ideen für die Rückkehr nach Halle. //

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