Theaterprobe als Möglichkeitsraum

Sollbruchstellen

Zur Spezifik der Produktionsweisen im Theater der Dinge

von

Die Dinge dagegen sind sperrig. Verwandeln heißt nicht selten in ihre innere Struktur eingreifen und die schlägt aufs Ganze zurück. Das muss man mögen. Und wer es nicht mag, sollte nicht an die Dinge rühren.

In der Regel gehen wir davon aus, dass zuerst eine Idee, ein Thema, vielleicht ein Text, schließlich eine Konzeption und eine Vision da ist; danach erst kommt das Material. Ausgehend vom Ideellen entscheiden wir, in welche Art Material sich dieses Ideelle am konsequentesten „umsetzen“ ließe. Das Material wird zum Medium für unsere Idee. Wer sich darauf versteht und schon Erfahrung mitbringt, wird vieles antizipieren können. Die Bedingtheit des Materials wird Einfluss nehmen auf Dramaturgie genauso wie auf den Raum, aber auch auf das Budget, auf die Gastspieltauglichkeit, den Stab an Beteiligten usw. Was wir machen, ist ein Netz knüpfen mit unzähligen Bezugspunkten. Und es sind wirklich endlos viele. Welchen geben wir Raum, was lassen wir virulent werden? Wer wird hier gehört?

Wenn in einem weiteren Schritt dann tatsächlich die Dinge auf der Probebühne angekommen sind, fängt das Ganze in gewissem Sinne wieder von vorne an. Meist ist es ein Schock. Nichts ist so wie es sein sollte. Und zum Glück. Denn was hier anfängt, ist ein Kampf der Dinge gegen die Idee. (Ich rede hier nicht von schlecht koordinierter Planung und Schlampereien. Die sollen bleiben, wo sie hingehören: draußen vor der Tür.) Es geht um einen strukturellen Widerspruch. Das Ding in seiner konkreten Bedingtheit wird sich als Medium immer in einer Reibung zum intendierten Einsatz verhalten. Es wird nie ganz passen.

PASSEND MACHEN
Jetzt ist die Frage, wer wird hier in welchem Grad passend gemacht. Jede Panne im Material, jede Sollbruchstelle kann zu einem neuen Bezugspunkt im Netzwerk führen. Das schließt auch all das mit ein, das zum Theaterapparat selber gehört. In dem Maße, wie wir heute „multimedial zu Gange“ sind, öffnen sich die Bezugspunkte ins Unermessliche. Die Kamera filmt ein Gesicht, das als Projektion den Spielerkörper eines anderen komplettiert, der jetzt als ein Zusammengesetzter zu uns spricht, wobei die Stimme von einem weiteren Spieler kommt. Solcherlei mediale Verschränkungen lassen sich ins schier Endlose fortschreiben. Und ihre Tauglichkeit wie ihre Brüchigkeit kann nur im konkreten Tun begriffen werden. Tatsächlich gibt es die Erfahrung, dass wir haptisch nachvollziehen, welche Signale durch welche Kabel laufen. Wir nehmen sie dazu in die Hände, nehmen eine Zange und: durchtrennen sie. Jede materielle Bedingtheit legt ihre verletzliche Stelle bloß und macht sie angreifbar. Wer die Dinge begreift, wird ihre offene Flanke kennen. Der Faden, an dem die Marionette hängt, ist latent bedroht, genauso wie die Bunrakupuppe, der ein Spieler abhanden gekommen ist. Wollen wir das zum Kern der Unternehmung machen?

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