Zwischenruf

Was ist Forschritt im Theater?

Eine Frage der Kommunikation

von

Dasselbe gilt für die Definierung von Zielgruppen in der kulturellen Bildung. Jungen Menschen, die nicht selbstverständlich einen Zugang zu Kunst und Kultur haben Teilhabe zu ermöglichen, ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Aber diese Zielgruppendefinierung bringt Zuschreibungen und Erwartungshaltungen mit sich, die immer nur in eine Richtung zielen. Bezeichnet werden die anderen und das von einer hierarchisch überlegenen Position heraus. Dadurch wird ein Zustand hergestellt, der die Überlegenheit der einen Seite nur noch mehr verfestigt, ein soziales Gefälle wird beschrieben und festgeschrieben, das man ja eigentlich ändern will: „Einerseits erfolgt die Ansprache zumindest augenscheinlich mit dem Ziel, Gleichberechtigung herzustellen oder zumindest ihre Möglichkeit in den Raum zu stellen. Andererseits aber bedingt die Adressierung eine Identifizierung und damit eine Festschreibung des Angesprochenen als Andere und eben gerade nicht als Gleiche.“4 Sprache schafft Realität.

Mit der aktuellen Programmreihe „Junge Kollaborationen“ setzt die Ruhrtriennale einen Fokus auf die Kommunikation mit und über Jugendliche und versucht dieses „Jetzt schon“ zu ermöglichen und auf Zuschreibungen wie ‚Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte‘, ‚Schulen in sozialen Brennpunkten‘, ‚sozial Benachteiligte‘ usw. zu verzichten. Es stellt die Frage, wie Teilhabe von jungen Menschen aussehen und gelingen kann – Voraussetzung ist die Gleichwertigkeit aller Beteiligten in Kommunikation, Planung und Durchführung von Projekten. Jeder Kollaborationspartner – ob Ruhrtriennale, Künstler oder Jugendlicher – bringt seine individuelle Geschichte, sein Wissen, sein Expertentum ein, ohne dass eine Wertung oder Hierarchisierung stattfindet. Das zu gewährleisten funktioniert nur, wenn man sehr achtsam miteinander und übereinander redet: „Wirkliche Veränderung kann nur stattfinden, wenn sie in Kommunikation mit den Adressierten, mit den Zugeschriebenen passiert und wenn die Bereitschaft besteht, sich durch diese verändern zu lassen …“5

„Junge Kollaborationen“ ist eine Intervention nach innen, hinein in die Institution und ihre Abteilungen, hinein in die Diskurse und Veranstaltungen der Kulturellen Bildung. Zu Tagungen und Symposien zu diesem Thema wird immer mindestens ein jugendlicher Projektteilnehmer mitgenommen. Sie stecken nicht mitten in den aktuellen Diskursen (was auch ein Vorteil sein kann), sie beherrschen das Vokabular in Teilen vielleicht (noch) nicht. Aber sie haben ein Recht dort zu sein, wo über sie und ihre Projekte geredet wird, und wir sollten uns bemühen, ihnen einen Platz einzuräumen und ihnen zuzuhören. Jetzt schon.

Kinder und Jugendliche sind Rechteinhaber in unserer Gesellschaft. Sie sind Mitspieler, gleichwertig und gleichberechtigt. Fortschritt im Theater bedeutet für mich, dass die kulturellen Institutionen in Deutschland durch ihre Kommunikation mit und über junge Menschen, diese Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung herstellen. Dass klingt einfacher als es ist, ich spreche aus Erfahrung.

1 siehe auch: https://www.2014.ruhrtriennale.de/de/programm/no-education/
2 Stop Teaching! Patrick Primavesi, Jan Deck (Hrsg.), Bielefeld 2014.
3 Alles immer Gut – Mythen Kultureller Bildung, Hrsg. Rat für kulturelle Bildung e.V.,
Essen 2013, S. 23.
4 Carmen Mörsch, Wem nützt das: Kulturelle Bildung beforschen?, Impulsvortrag zur Verleihung des BKM Preises Kulturelle Bildung 2014 in: http://www.stiftunggenshagen.de/uploads/media/BKM-Preis-Doku2014.pdf, S. 8.
5 ebd., S. 9.

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