ASSITEJ

Wie kommt das Neue in die Welt?

Beobachtungen zur Online-Spielzeit mit+abstand von KJTZ und ASSITEJ

von

mit+abstand – die epidemiologisch angeratene Devise des Frühjahrs 2020 – wurde kurzerhand in ein visionäres Spielzeitmotto umgewandelt. Die Organisator*innen vergaben 15 Mini-Stipendien an freischaffende Künstler*innen. 

Der Comiczeichner und Cartoonist @kriegundfreitag wirft mit dem Titelbild und seiner Bildstrecke einen ganz eigenen Blick auf die Themen, die uns in dieser Ausgabe von IXYPSILONZETT beschäftigen.
Der Comiczeichner und Cartoonist @kriegundfreitag wirft mit dem Titelbild und seiner Bildstrecke einen ganz eigenen Blick auf die Themen, die uns in dieser Ausgabe von IXYPSILONZETT beschäftigen.

Verbunden mit der Aufforderung, abstands- und online-taugliche kleine Formate für ein junges Publikum zu entwickeln, entstanden neue Kurzfilme und Hörstücke, Minutenmärchen, interaktive Diskussionsformate über die Zukunft des Theaters, ungewöhnliche literarische Texte, Aktionen im öffentlichen Raum und eine choreographische Studie. Diese wurden als Spielzeit auf dem Blog des KJTZ zwischen 20. April und 12. Juni 2020 veröffentlicht. Zeit für eine kurze Bilanz – in Form von sechs Antworten auf die Frage: Wie kommt das Neue in die Welt?

1. Formal oft einfach ...

Einen Ort, eine Zeit, eine Hauptfigur, einen Konflikt, einen Feind, eine Wende – dass es gar nicht viel braucht, um gute Geschichten zu erzählen, zeigt Till Wiebel in seinem partizipativen Textprojekt DIE QUAL / DER WAL. Für all diese Kategorien macht er in seinem Online-Katalog zahlreiche ebenso witzige wie absurde Vorschläge; die Geschichten (und Spielregeln) dazu müssen wir uns selber ausdenken, oder aushandeln, oder erwürfeln. Ob sich nun ein Pfau in einer Brauerei mit einer unerwiderten Liebe auseinandersetzen muss, oder ein Eisberg am Weihnachtsmorgen von einem Bademeister entführt wird: Wiebels Open-Source-Projekt bietet Stoff für mehr Erzählungen als ein Baum an Blättern trägt und zeigt, wie einladend formale Einfachheit sein kann.

2. ... doch inhaltlich komplex!

Gerade in der Anfangszeit des Shutdowns gab es nur ein me- dienbeherrschendes Thema: Corona, Corona, Corona. Doch monothematische Argumentationen vereinfachen unsere Aus- einandersetzungen oft zu sehr, und es kann eine Aufgabe von Kunst sein, uns an die Komplexität der Umstände zu erinnern. Besonders gut gelingt das der charmanten Podcast-Serie Wenn ich aus dem Fenster schaue des Duos Frida & Leonie. In bislang zehn Folgen stiften Leonie, Absolventin eines Dramaturgiestudiengangs, und Frida, eine Schülerin, die an Mukoviszidose erkrankt ist, Begegnungen zwischen Theatermacher*innen und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen und sprechen darüber, wie die Pandemie ihren Alltag verändert hat. Die lebensbedrohliche Gefahr des Virus (für einige) und die einschränkenden Auswirkungen seiner Bekämpfung auf die berufliche Existenz (von anderen) werden in den anregenden Gesprächen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern sensibel und ver- ständnisvoll zusammengeführt.

3. Es erforscht den (virtuellen) Raum ...

Die Gruppe STERNA | PAU Produktionen lud ein zum Chat mit Virginia Woolf: give me room heißt die Textperformance für alle ab 14, die auf Basis von Woolfs Essay A Room for One’s Own entstanden ist. Welchen – reellen, virtuellen – Raum nimmt jede*r einzelne von uns ein, und wie wichtig ist es, einen eigenen Raum zu haben? Statt mit Virginia Woolf selbst verstricken sich die Teilnehmenden in einen Telegram-Messenger-Dialog mit einem Chatbot, der gut über ihre feministische Position informiert ist. Per Posts, GIFs und Memes entfaltet sich so eine pointenreiche Korrespondenz, die die Wohn- und Jugendzimmer, aus denen heraus sie vermutlich rezipiert und betrieben wird, verbindet. Beim akustischen Einblick in die Realräume der anderen entstehen so kurze Momente, in denen die coronabedingte Isolation virtuell überwunden wird.

4. ... und animiert das Alltägliche.

Die radikale Reduktion des individuellen Handlungsumfelds auf den eigenen Wohnraum in den ersten Wochen der Corona-Beschränkungen hat zumindest kurzzeitig ein neues Genre aus der Taufe gehoben: Wohnzimmerkunst, wenn man so will. Die dahinter steckende Frage, welche ästhetischen Äußerungen mit den einfachs- ten, zuhause vorhandenen Mitteln möglich sind, ist reizvoll, weil hochgradig partizipativ: Wenn es darum geht, Pfeffer- und Salzstreuer im Schummerlicht der Zimmerlampe in einen Dialog vor der Handykamera zu bringen, kann fast jede*r zum*zur Regisseur*in eigener Geschichten werden. So inszenieren Wanda Reinhardt und Katja Hensel in der Fenster-Show Die stillen Stars der Straße Platanen und öffentliche Mülleimer als nicht-menschliche Akteure, und Ates Yilmaz und Hannah Auer aus dem Umfeld vom justmainz-Programm des Staatstheaters Mainz machen in ihrem Film Hier ist es schön die eigene Klarinette, die gerne mal wieder ein Konzert geben würde, zur Hauptdarstellerin. Gegenstände werden belebt, Alltagswelten umgedeutet – auch mit einfachen Mitteln lässt sich Kunst machen.

5. Es sucht neues Publikum ...

Noch eine Erkenntnis aus mit+abstand: Auch wenn es geschätzt vier Milliarden Internetnutzer*innen weltweit gibt, heißt das noch lange nicht, dass es immer einfach ist, mitunter auch nur vierzehn Teilnehmer*innen für einen laufenden Livestream zu gewinnen. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit im Netz – besonders in einer Zeit, in der auf einmal alle Kulturangebote nur noch online stattgefunden haben – ist hart. Doch führt, wo es gelingt, die oft leichtere Art der Zugänglichkeit (wenige Klicks statt der halbstündige Weg zum nächsten Theater) auch zu neuen Zuschauer*innenschaften. So diskutierte die Dramaturgin Antigone Akgün in der Reihe theater+zukunft an drei Sonntagnachmittagen mit Jugendlichen und Fachleuten lebhaft über die Zukunft des Jugendtheaters. Und dass auch außerhalb der virtuellen Welt ein neues Publikum gefunden werden kann, zeigen die mit künstlerischen Überraschungen gefüllten Briefumschläge des Projekts Kunstlücke vom Freiburger Theater im Marienbad, die sich jede*r im öffentlichen Raum gratis abholen konnte.

6. ... und findet utopische Kollaborationen!

Schließlich macht ein einfach entwickeltes Tandem-Konzept der Dramaturgin Katrin Maiwald deutlich, welches Potential der De-Hierarchisierung uns digitale Produktionsweisen bieten. In der fünfteiligen Reihe DisPlay konzipieren und realisieren jeweils ein*e Jugendliche*r und ein*e professionelle*r Regisseur*in gemeinsam einen Film oder ein Hörstück. Scheinbar spielend leicht gelingt hier, was in den oft rigide hierarchisch strukturierten Theaterinstitutionen wie eine ferne Utopie erscheinen mag: die Wiederentdeckung von egalitären und horizontalen künstlerischen Prozessen jenseits disziplinärer Trennung. Rückblickend zeigt sich, zu was für einer schönen Finte die Organisatorinnen Nikola Schellmann und Meike Fechner da doch gegriffen haben, mit ihrem Spielzeitmotto mit+abstand. Zwar stimmt es: Physisch wurde die gebotene Distanz eingehalten. Auf allen anderen Ebenen indes hat das Projekt ganz neue Verbindungen, Kooperationen, gemeinsame Ideen und experimentelle Arbeitsweisen initiiert – eine vielversprechende Basis für weitere Entwicklungen.

Philipp Schulte moderierte das Reflexionsgespräch am Spielzeitende, das am 18. Juni online stattfand. Er ist Professor für Szenographie- und Performancetheorie an der Norwegischen Theaterakademie Fredrikstad und Geschäftsführer der Hessischen Theaterakademie.

Die Projekte sind auf KJTZ – Das Blog weiterhin abrufbar, mit Ausnahme der Live-Formate theater+zukunft und give me room: https://kjtz.co/category/virtuelle-spielzeit-mitabstand/ Der Spielplan mit+abstand ist eine Kooperation von ASSITEJ und KJTZ. Das Projekt wurde finanziert aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie aus Mitgliedsbeiträgen der ASSITEJ.

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