Thema: tanzen, forschen, weitergehen

Licht in die Welt bringen

Wie VA Wölfl mit den Mitteln der bildenden Kunst die Bühne erfindet

von

Auftauchen – und wieder Verschwinden

In den Produktionen seit 2007 wird die Bühne vorwiegend von einem hellweiß ausgeleuchteten Raum bestimmt. Der weiße Tanzteppich verlängert sich in die Vertikale als Entgrenzung des Bodens. In diesen Räumen inszeniert NEUER TANZ manchmal in bis dahin unbekannter Konstanz bis zu 30 Minuten im Dämmerlicht. Zwischen vollkommenem Dunkel und gleißender Lichtwirklichkeit wird eine Schule der Wahrnehmung zelebriert, in der die Tänzer und Objekte auftauchen oder verschwinden. Die Tänzer an der Grenze der Sichtbarkeit, der Betrachter an der Grenze der Wahrnehmung. Es entstehen Situationen, in denen der Betrachter erfährt, wie das Licht oder der Raum zum Tanz werden. Ähnlich das Zerdehnen und Wiederholen von Bewegungssequenzen, das die Zeit zum Thema macht. Denn nur in der Zeit entfalten sich Raum und Licht, wie nur im Licht sich Raum und Zeit entfalten. Die Bewegung ist Teil dieses Forschungslabors, aber in den Arbeiten von NEUER TANZ sind es nicht nur die Tänzer, die sich bewegen können. Es sind, wie bereits gesagt, das Licht, der Raum, aber auch die Gegenstände, die Scheinwerfer, die Waffen und Musikinstrumente, die gelben Tennisbälle, die von einer Ballmaschine in den Raum geschleudert werden, die Gewinnung von Kupferdraht, die auf der Bühne ihre eigene Choreografie schafft, die Filmprojektoren. Alles zu entdecken in „Chor(e)ographie/ Journalismus: kurze Stücke“, uraufgeführt im Januar 2013 im Théâtre de la Ville in Paris.

Getanzt wird in den Produktionen von NEUER TANZ auch. Die Tänzer, gekleidet mit paillettenbesetzten Anzügen und mit Rodeohüten, tragen Gewehre oder Revolver, spielen elektrische Gitarren, singen, zeigen Zauberstücke. Es sind oft chorische Bewegungssequenzen, die an ein Exerzieren des Tanzes erinnern. VA Wölfl hat das e in „Chor(e)ographie“ in Klammern gesetzt, spielt mit dem Begriff des griechischen Choros, was Gesang und Tanz meint. Oft lösen sich durch das Reflektieren der Pailletten die Körper der Tänzer auf, die Bewegungen entwickeln sich zwischen dem Licht, dem Raum und den Tänzern – im Kopf des Betrachters. Dann das langsam auflodernde Rauschen der Stimmen von Fans im Fußballstadion, das mit dem Phänomen der Masse spielt. Ähnlich wie Einar Schleef geht VA Wölfl bis an die Grenze des Gleichschritts, er spielt mit dem Phänomen der Masse, Gewalt ist im Spiel. Die hervorragenden Tänzer, die vollkommen jenseits ihrer virtuosen Möglichkeiten bleiben, wenn sie im Gleichschritt zu ihren Instrumenten gehen, wenn sie zu Sängern oder Musikern werden, beherrschen ihre Aufgabe mit Perfektion. Aber sie bleiben nur anscheinend unter ihren Möglichkeiten, denn die Herausforderung ist immens. Nur durch ihre ungebrochene Konzentration, ihre Präzision schaffen sie die Räume dieser komplexen Gesamtkunstwerke.

Raum und Bewegung, Licht und Choreografie, Tänzer und Maschinen, Bühne und Publikum, sie sind nicht voneinander zu trennen. Sie bilden eine unauflösliche Einheit, in der die gewohnten Vorstellungen über den Haufen geworfen werden. Und diesen Widerstand leistet NEUER TANZ bis heute. Die Verweigerung von Erklärungsmodellen, der Widerstand gegen Bedeutungsfestlegungen treiben NEUER TANZ weiterhin an. Dazu passt das Selbstzitat, das immer neue Aufgreifen von Bausteinen und Materialien aus dem Gesamtwerk. NEUER TANZ macht keine neuen Stücke, sondern aktualisiert das komplexe Beziehungsgefüge aus ästhetischem Material, Weltgeschehen, Kritik und Publikum. Es geht um die systematische Dekonstruktion des Theaterraums und damit des Kunstraums. Die Einladungskarte, signiert und manchmal nummeriert, die Anzeige, der Antrag, die Kulturpolitik, die Kritik, die Gastfreundschaft gegenüber dem Besucher – die Grenzlinien zwischen Kunst und Alltag, Werbung und Leben –, sie lösen sich immer weiter auf. Die Frage, die VA Wölfl interessiert, ist, bis zu welchem Punkt dieses System geführt werden kann. Peter Weibel, Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe, hat es so zusammengefasst: „Der beherrschende visuelle Faktor unseres Lebens ist die tägliche visuelle Kommunikation mit dem visuellen urbanen Environment: Magazine, Fotos, Schaufenster, Prospekte, Blumentöpfe, Möbel … Mit einem Wort: eine verwirrende Vielfalt. In dieser Konfusion der alltäglichen Ästhetik, wo verschiedene Jahrhunderte, Stile und Materialien aufeinandertreffen, haben sich unsere Sinne eingerichtet und versucht, Sinn zu schöpfen. VA Wölfls visuelle Rhetorik bringt uns diese Punkte jener alltäglichen Ästhetik zur Anschauung.“ (Peter Weibel zur Ausstellung „Die vier Jahreszeiten“ von VA Wölfl in der Kunstsammlung Bochum, 1980.)

NEUER TANZ schreibt das Ästhetische als radikale Position bis an die Grenzen des gesellschaftlich Möglichen fort, behauptet nach wie vor den Freiraum der Produktion, die Bedingungslosigkeit der Untersuchungen, das Überschreiten aller Festlegungen von Tanz, Kunst, Malerei, Fotografie oder Theater. Indirekt legt NEUER TANZ damit den Beweis dafür vor, dass wir eine unabhängige Tanzszene brauchen, unabhängig von den Produktionsbedingungen, Marketingüberlegungen und Besucherstrukturen der Opernhäuser und Staatstheater, unabhängig von den Bedingungen der Festivalmacher, unabhängig von äußeren Einmischungen in einen künstlerischen Forschungsprozess. //

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