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Stück

Die Trivialisierung ist die Apokalypse

Matthias Brenner über Ralph Hammerthalers „Alleinunterhalter“ im Gespräch mit Gunnar Decker

von und

Eine ironische Brechung?
Ironie ist aber nicht genug, es geht immer auch um ein bitterernstes Balancieren auf der Rasierklinge. Da sind wir wieder bei der Apokalypse: die Verzweiflung von einem, der den künstlerischen Ausdruck sucht und dann mit Bitterkeit erkennen muss, dass er selbst nur ein abgetretener Abdruck im Boden ist. Der Abdruck des Alleinunterhalters ist real, sein Ausdruck aber scheint voller grotesker und aberwitziger Momente. Da möchte ich mit Hammerthalers Text gern hin. Der Alleinunterhalter versucht wie jeder, der sich auf den Boulevard der Eitelkeiten begibt, das Publikum zu seinem Komplizen zu machen, darin eben besteht die Trivialisierung des echten Anliegens, das Publikum zum Teilhaber an dem Prozess künstlerischer Hervorbringung zu machen. Da geht es zugleich um Unterhaltung und das Bewusstwerden komplizierterer Zusammenhänge, die eben nicht konsumierbar, nur begreifbar sind.

Sie spielen nicht nur den Alleinunterhalter, sondern werden auch singen?
Vermutlich, der Aberwitz liegt ja im a cappella! Es gibt Lieder, die ich mit 14 gesungen habe, quasi unter der Dusche, und dann nie mehr. Trotzdem haben sie eine bestimmte Funktion in meinem Leben gehabt, sie gehören zum Fundus echter und eingebildeter Seelennöte. Aber auch falsche Gefühle können einen an den Rand der Existenz bringen. Ich habe mich in dem Moment für den „Alleinunterhalter“ als Monolog entschieden, in dem er sich entwürdigt fühlt, das hat mich ergriffen; damit, denke ich, kann ich spielen, so dass etwas Mehrdeutiges, Unauflösbares in die Figur kommt.

Als Schauspieler, Regisseur und Intendant sind Sie ja bekannt dafür, dass Sie aus der Not oft genug eine Tugend gemacht haben. Als Sie 2011 am Volkstheater Rostock „Effi Briest“ probten, wurde der Zuschauerraum wegen Brandschutzmängeln gesperrt, doch die Bühne blieb weiterhin für Proben und Aufführungen offen. Da haben sie die Premiere kurzerhand ins Internet verlegt!
Ja, das war eine absurde Szenerie, die typisch für den Umgang der Stadt Rostock mit dem Volkstheater war. Aber die Schauspieler und alle, die daran beteiligt waren, hat das ungeheuer solidarisch miteinander gemacht. Das war eine neue Erfahrung: im leeren Raum ohne Resonanz zu spielen und dann im Internet die Kommentare zu lesen. Über 300 000 Mal wurde „Effi Briest“ angeklickt: eine Demonstration! Das zeigt, dass man sich etwas ausdenken muss, immer wieder neue Wege gehen muss. Wir haben das damals mit sechs Kameras aufgenommen und so nicht nur Neuland betreten, sondern uns auch mit einem interessanten Medium, das dem Theater offensteht, auseinandergesetzt.

Derzeit proben Sie „Fame – Das Musical“. Auch eine Spielart des Themas von echter Sehnsucht und falschen Erfüllungen?
Ja, mit 92 Akteuren auf der Bühne; das ist etwas ganz Besonderes, ein kollektiver Erfahrungsprozess, eine Wiederaneignung des Spiels! Aber auch eine Grenzüberschreitung für ein so kleines Theater wie unseres. Der Zusammenhang zwischen Bühne und Zuschauerraum wird dabei als etwas Kostbares erfahrbar, das wir verteidigen müssen. Darum machen wir eben diese Projekte, die die Verbindung zwischen Spielern und Zuschauern hervorheben. Das ist auch Widerstand gegen die drohende Apokalypse in Gestalt des Alleinunterhalters. Ich bin ja auch als Intendant, Regisseur und gelernter Schauspieler selbst als Person auf der Bühne wahrnehmbar.

Warum tun Sie das?
Das scheint mir in der derzeitigen Situation des Theaters wichtig, das ist eine echte Aufgabe für die Theater vor allem auch in den kleineren Städten: Sie müssen Wertediskussionen anstoßen, die in der Gesellschaft sonst kaum geführt werden. Das bloße Erfolgreichsein-Wollen reicht doch nicht. Welchen Sinn hat Handeln? Immer nur weiteres Wachstum ist doch selbst ein Teil des Verhängniszusammenhangs, in dem wir stehen. Deshalb bedarf es Foren der Auseinandersetzung. Ich glaube zum Beispiel, dass nicht nur das Gewinnen, auch das Verlieren im Leben eines Menschen wertvoll ist. Dass Kunst, um es plakativ zu sagen, nicht aus dem Haben erwächst, sondern aus dem Sein – also auch aus der Not des Sagens und dem realen Mangel.

Heißt das, Geld ist für Sie als Theaterleiter kein Thema?
Doch, natürlich steht man mit einem Theater permanent in den Verteilungskämpfen. Und das Schlimme ist: Uns geht es ja nicht darum, immer mehr Geld haben zu wollen, das ist ja nicht die Situation; die absurde Grunderfahrung der künstlerisch Arbeitenden auch an meinem Theater ist: Für die Politik scheinen diejenigen, die auf der Bühne stehen, immer am leichtesten entbehrlich, sie sind am wenigsten geschützt, man kann sie schnell abräumen. Da bewegen wir uns seit Jahren in einer Abwärtsspirale, wir beweisen täglich neu, dass wir Stroh zu Gold spinnen können – aber genau das ist sehr zweischneidig. Denn irgendwann muss die Königin auch ihr Kind kriegen, sonst war das alles umsonst. Sonst wird am Ende irgendwann bloß noch leeres Stroh gedroschen – dann ist Trivialisierung absolut geworden. //

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