Kolumne

Soziale Plastik

Flüchtlinge: In Hamburg ermittelt der Staatsanwalt gegen Kampnagel

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Sobald ein Staatsanwalt sich für Kunst interessiert, egal, ob für eine soziale Plastik, ob für Bücher oder Theater, darf man sicher sein, dass ein Nerv getroffen worden ist. So war es auch bei „Reine Pornografie“ von Alexeij Sagerer in München. Der Staatsanwalt kam im Anzug und mit einem Aktenkoffer in die Vorstellung, fast so, wie er im Buche steht, und wenn es kein sehr guter, weil zurückhaltender Schauspieler war, dann war es wirklich der Staatsanwalt. Aber er sah nichts, weswegen er hätte einschreiten müssen, weil die Videoübertragung nach Tschechien nicht klappte. Erst tags darauf klappte sie wieder, in jeder weiteren Aufführung klappte sie, und es ist schade, dass der Staatsanwalt dann nicht mehr dabei war, weil er so mit dem Leben in Berührung gekommen wäre.

Was eigentlich will der Staatsanwalt in Hamburg ermitteln? Alles ist öffentlich geschehen und also durch und durch transparent. Das Holzhaus war eine Begegnungsstätte – und soll es im nächsten Winter wieder sein. Zwischen Flüchtlingen, die über Lampedusa nach Hamburg gekommen sind, und den Nachbarn und allen, die dazukommen wollten. Taschen wurden genäht, Transparente gemalt und verkauft. Künstler gaben Deutschunterricht. Ein Ehepaar aus Libyen war da, unter Gaddafi verfolgt, übers Mittelmeer geflohen; vier Kinder ließen sie bei den Großeltern zurück. Spenden erhielten sie, so reichlich, dass sie sie unter Flüchtlingen weiterverteilten. Mit dieser Erläuterung helfe ich dem Staatsanwalt gern.

Es ist gut, dass sich Theater nicht nur dem Thema, sondern auch den Flüchtlingen selbst öffnen. 1999, als Christoph Schlingensief fünfzig Flüchtlinge aus dem Kosovo in der Volksbühne einquartieren wollte, zuckte Frank Castorf noch zurück. Heute (und vielleicht auch schon damals) wäre das ein Statement – gegen politische Untätigkeit, die vorgestrige Rechtslage, die humanitäre Katastrophe. Alle drei Monate werden Flüchtlinge zu Euro-Touristen. Denn sie müssen, um ihre Visa zu verlängern, in das Land zurück, wo sie europäischen Boden betreten haben. Den Fußballern von Welcome United 03 in Potsdam-Babelsberg, einer Flüchtlingsmannschaft, fehlt gerade wieder ein Spieler. Vermutet wird, dass er nach Irland gereist ist, um sein Visum zu erneuern.

Auf Kampnagel fiel den Flüchtlingen auf, dass sie gar nicht als Flüchtlinge auffielen. Denn sowohl unter den Performern als auch unter den Gästen waren viele Schwarze zu sehen. Umgekehrt legten professionelle Tänzer aus dem Senegal Wert darauf, dass sie nicht mit Flüchtlingen verwechselt wurden.

Wenn das Wort von der Begegnungsstätte ernst gemeint ist, dann lauert auch eine Pointe darin. Warum sollten sich dort nicht AfDler mit Flüchtlingen treffen? Der AfD fehlt offenbar der Mut dazu, denn sie könnte ja mit dem Leben in Deutschland konfrontiert werden. Und Kampnagel ist die so abwegige, dabei schlüssige Idee, eine Einladung auszusprechen, noch nicht gekommen. //

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