Protagonisten

Requiem für den Narren

Der Intendant Matthias Brenner spielt am Neuen Theater Halle Ralph Hammerthalers „Alleinunterhalter“

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Er sieht nicht nach Wodka vom Vorabend, sondern nach Morgenfrische aus, darum kaut er auch nicht wie ich lustlos auf einem Croissant herum, sondern ordert energisch englisches Frühstück. Wie er dasitzt, massig und vom anbrechenden Tag unerschüttert, erinnert er mich an das Bild, das ich mir immer von Bismarck gemacht habe: eisern, aber nicht ohne feine Instinkte.

Von „Lob und Fluch der Provinz“ ist im Spielzeitheft des Theaters zu lesen. Lob sei wichtiger, findet Brenner, dem es gelang, das Neue Theater gegen kommunale Schließungsgelüste zu verteidigen und, mehr noch, auch das abgewickelte Thalia Theater unter seinem Dach als Kinder- und Jugendtheater fortzuführen. Aber der Morgen nach der gelungenen Premiere ist zu schön, um sich an all die Hässlichkeiten zu erinnern, durch die er seit 2011 hindurchmusste: Das ist dann der Fluch der Provinz, die überall ist, aber in Sachsen-Anhalt, wie es scheint, auf besonders provinzielle Weise.

Das Neue Theater ist das erste Haus, das er selbst leitet. Regie hat er zuvor an vielen Häusern geführt, ebenso dort als Schauspieler gearbeitet. Er weiß, ohne eine Atmosphäre in der Stadt, in der das Theater auflebt, als Stätte der Unterhaltung wie der Belehrung, der Provokation wie der Bewahrung, wird es keine Zukunft haben. Aber diese lebenserhaltende Mischung gilt es immer wieder neu herauszufinden. Auch darum der „Alleinunterhalter“, weil er den Nerv unserer Massenkultur freilegt. Demjenigen, der sich inmitten ihrer an seine Mission klammert und dabei das Schicksal des Narren auf sich nimmt, hat Hammerthaler ein groteskes Requiem geschrieben. Brenner gibt ihm Raum in sich.

Soloabende sind wichtig, findet er. Erstens, weil er als Intendant wenig Zeit zum Proben hat, zweitens, weil er dann immer ein Stück in Reserve hat, um plötzliche Spielplanänderungen zu meistern, drittens, weil es Spaß macht, auf der Bühne zu stehen. Aber, sagt er, ohne Dietmar Rahnefeld als Regisseur wäre es nicht gegangen. Der Außenblick sei wichtig. Auf die Graffitiwand etwa als Hintergrund-Motiv, das alle vorschnellen Assoziationen über Kitsch durchstreicht, wäre er nie gekommen. Und Alexander Suckel als Mann am Tastophon schuf erst die oszillierenden Spielräume zwischen Sprache und Musik. Ist der doppelte Hans Klipp denn schizophren? Vielleicht, meint Brenner, aber eher wohl uneindeutiger und abgründiger, vielgestaltiger auch, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre. Als Hans Klipp Udo Jürgens zu singen, fand er qualvoll, aber auch die Puhdys liegen ihm eher fern, obwohl „Geh zu ihr“ eines ihrer schönsten Lieder sei. Aber er gehöre noch zu der DDR-Beatgeneration, die bekennen musste: Renft oder Puhdys? Die Entscheidung fiel ihm nicht schwer, denn Renft verkörperte eine ungeschliffene rebellische Poesie.

Das ist etwas, das er auch in Halle immer wieder sucht: die Verbindung von schmutzigem Alltag und faszinierendem Ausdruck. Mit Falladas „Trinker“, den er hier ebenfalls – und sehr erfolgreich – als Monolog spielt, schoss er dann über die Grenzen der wohltemperierten Abendunterhaltung hinaus. Ist ihr Intendant etwa ein Alkoholiker?, fragten sich nach diesem Abend einige Abonnenten irritiert. Brenner lacht mit hinterlistiger Freude und bestellt sich gleich noch einen Cappuccino. //

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