Neuer Realismus

Hyperreales Theater

Das Zentrum für Politische Schönheit schärft die Konturen der Realität

von

Interdisziplinäres Denken war also der Ausgangspunkt. Dies, um eine Begriffswelt zu erzeugen, die in der Öffentlichkeitsblase zum einen auf Resonanz innerhalb verschiedener Teilöffentlichkeiten stößt und zum anderen neue Kontexte aufmacht – Umwidmung und Vereinnahmung als Grundkraft, um durchzudringen, bis hinein in die Sphären der Entscheidungen. Es ging darum, das ZPS als ein Theater zu etablieren, das an bisher unveränderbar erscheinenden Schnittstellen zwischen Kunst, Politik und Medien operiert, etablierte Denk- und Handlungskategorien aufsprengt, um Politik als höchste Form der Kunst zu aktivieren.

Die Zeichen der unterschiedlichen „Disziplinen“ sollen vermischt werden, um neue Zeichen zu erzeugen – allerdings mit sehr alten Mitteln: Das ZPS steht mit seiner politischen Aktionskunst auch für ein Theater als Forum gesellschaftlicher, politischer und moralischer Selbstvergewisserung im Sinne der Antike. Unsere Bühnen stehen jedoch an recht unerwarteten Stellen – genauso wie das Publikum. Wir wollen Druckkammern errichten, in denen sich vor allem Entscheidungs- und Verantwortungsträger zu Entscheidung und Verantwortungsübernahme genötigt fühlen. Wir können Menschen nicht ihre Entscheidungen abnehmen, wir können aber Kontexte schaffen, in denen Menschen zu Entscheidungsträgern werden bzw. sich als solche bewusst werden und idealerweise politisch wie moralisch schön handeln. Wir gehen etwa von der moralischen Pflicht des Landes der Holocaust-Täter aus, Menschenrechtsverletzungen offensiv entgegenzutreten. Politische Schönheit ist moralische Schönheit. Politisch schöne Akte sind in der Geschichte am besten dort aufzufinden, wo – notfalls auch gegen eigene Interessen – Widerstand gegen Menschenrechtsverbrechen geleistet oder wirkmächtige Zeichen gesetzt wurden. Diese können mit den Mitteln des Theaters nachkonstruiert und ins „Hier und Jetzt“ hineingetrieben werden. Die blutleere und poesiefreie politische Sphäre kann allein schon dadurch unter enormen Stress gesetzt werden, dass sie mit politisch schönen Akten aus der Vergangenheit gespiegelt wird. Willy Brandts Warschauer Kniefall ist ein solches Beispiel und findet schon lange keine aktuelle Entsprechung mehr. Eine solche Entsprechung mit allen erdenklichen Mitteln herzustellen, gehört zu unseren Zielen, die wir versuchen, aus dem „straffreien“ Raum des Theaters heraus umzusetzen.

Das Zentrum für Politische Schönheit ist ein Medium der neuen Art: Sie schaffen sich die Nachrichten, die sie gern hätten, gleich selbst.
Georg Diez, Der Spiegel

Dieses Ansinnen wurde im Frühsommer letzten Jahres durch die Aktion „Kindertransporthilfe des Bundes“ auf eine neue, noch öffentlichkeitswirksamere Ebene gestellt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt innerhalb der Vorproduktion lag mir plötzlich das Wort „Hyperrealität“ auf der Zunge, als ich den Drang verspürte, die im Vorfeld einer Aktion unweigerlich anschwellende Vielstimmigkeit am Planungstisch durch Rahmensetzung einzuschränken. Für mich war es ein sehr erhellender und wohliger Moment, zu erleben, wie ein einziger Begriff eine Verortung ermöglicht, die zugleich den Kategorisierungsdrang der Medienwelt bedient sowie einen gewissen, dem ZPS wesenseigenen „Grenzvernichtungstrieb“ nicht verleugnet. Im Verlauf der folgenden Aktionen („Erster Europäischer Mauerfall“ und „Die Toten kommen“) wurde jedoch deutlich, wie hoch die Anzahl der Windmühlen ist, gegen die für ein solches Unterfangen gekämpft werden muss. Es empfahl sich, nicht zu sehr an Selbstdefinitionen festzuhalten, die einem sowieso wieder im Mund herumgedreht werden würden. Noch sind wir in Deutschland! Das ist weniger sarkastisch als respekterweisend gegenüber Realitäten gemeint, deren Reibungsoberflächen einiges aushalten und somit eine stabile Bühne für unsere Arbeit darstellen.

Nichtsdestotrotz lädt natürlich auch die Vorstellung unserer Aktionskunst als „hyperreales Theater“ leicht zur Überstrapazierung ein und sollte somit nicht immer krampfhaft aufrechterhalten werden, denn Aktionskunst lebt auch von der direkten, realen Resonanz der Rezipienten und tut gut daran, diese nicht „kaputt zu inszenieren“. Deshalb erscheint es mir tragfähiger, von einer „hyperrealen Methode“ zu sprechen, die nicht durchgängig, aber an ausgesuchten Stellen innerhalb eines Aktionszeitraums zum Einsatz kommt.

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