Neuer Realismus

Hyperreales Theater

Das Zentrum für Politische Schönheit schärft die Konturen der Realität

von

Hierzu können auch nützliche, wenn auch simulierte Prophezeiungen gehören:

Ihr werdet die zersetzenden Elixiere, die Euch einverleibt werden, nicht als solche begreifen, denn sie werden aus Bildern bestehen, die in Kistchen und Kästchen wabern, und scheinen so eingehegt. Doch lasset Ihr sie im Netze sich verknüpfen, so werden sie an Eurer Augen statt die Weltenläufe bewerten und es bleibet Euch nur, irre zu glotzen.
Prophezeiung des Eratus von Magdeburg (1498 – ?)

Solche Überlegungen dienten jedenfalls auch meiner eigenen Selbstverortung als Dramaturg innerhalb des ZPS und lösten einen vermeintlichen Gegensatz in mir auf. Auf der einen Seite steht die Vorstellung eines Malers, der vor seinem Bild steht, jegliche Erörterung hierzu verweigert und es auch ansonsten kategorisch ablehnt, einen konkreten Zweck mit seiner Ausstellung zu verfolgen. Das Bild soll nur für sich sprechen. Auf der anderen Seite steht ein Öffentlichkeitsarbeiter, der bereit ist, alle erdenklichen Mittel einzusetzen, um eine bestimmte Botschaft zu platzieren. Diese Vorstellung ermöglichte es mir, jene Pole gedanklich in Einklang zu bringen. Na gut, sagte ich mir, dann bin ich jetzt also so etwas wie ein hyperrealer Dramaturg und habe mit dem Finden einer kleinen, eigenen Kategorie meinen Frieden gefunden – der mich fortan stärken und mir helfen soll, andere Kategorien zu sprengen; im dialektischen Dienste des „aggressiven Humanismus“.

Der Begriff Hyperrealität ist neben seiner Bedeutung innerhalb der Kunstgeschichte wohl am engsten mit dem französischen Medientheoretiker und Philosophen Jean Baudrillard verbunden. In seiner Simulationstheorie unterscheidet er drei Zeitalter der Zeichen oder die „drei Ordnungen der Simulakren“, wie er es nennt. Nach dem Zeitalter der „Imitation“ und demjenigen der „Produktion“ leben wir hiernach nun in einem gesellschaftlichen Zustand, in dem Zeichen und Wirklichkeit zunehmend ununterscheidbar seien. Hiernach befinden wir uns also in einer Welt, die es uns beinahe unmöglich mache, jenseits von „Repräsentationen, Modellen und Simulationen der Darstellung“ so etwas wie Realität auszumachen. In einer solchen „referenzlosen“ Wirklichkeit entsteht nach Baudrillard irgendwo zwischen Realität und Fiktion die Hyperrealität. Somit stehe unser „hyperreales Theater“ gar nicht an einer Schnittstelle zwischen Kunst und Politik bzw. Realität und Fiktion, sondern kann sich als Simulation innerhalb der Simulation guten Gewissens und leichten Fußes zur allseits anerkannten Realität aufschwingen.

So einfach ist es aber auch nicht. Das Problem hierbei ist freilich, dass eine solche Definition von Hyperrealität voraussetzt, dass es einen klar umrissenen Realitäts- und Wahrheitskern unterhalb eines permanenten, medialen Datenstroms aus Interpretationen gibt, der letztlich alles Wahrgenommene zur hyperrealen Konstruktion werden lässt. Aus dieser Endlosschleife kann man kaum entkommen, sofern nicht einige absolute Prämissen vorangestellt werden. Dies heißt unter anderem, von der Existenz einer verschütteten Realität auszugehen, die es zu bergen gilt.

Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.
Heiner Müller

Für mich entscheidend ist hierbei vor allem, dass dieser Begriff angstfrei aus seinen kunst- und medientheoretischen sowie philosophischen Kontexten herausgelöst, vereinnahmt und zu einer neuen, künstlerischen Bedeutung und Funktion im Sinne unseres Theaters geführt wird. Ich sehe die „hyperreale Methode“ als Mittler zwischen Realität und Fiktion durch die Erschaffung eines Möglichkeitsraumes für das Wünschenswerte. Weil Akte von moralischer Schönheit selten sind, versucht das ZPS, derartige Handlungen aus den Flussläufen der Geschichte zu bergen und einem gegenwärtigen Kontext aufzuzwingen. Die Herbeiführung moralisch schöner Akte beruht also nicht nur darauf, Vorhandenes in ein schärferes Licht zu rücken oder zu einem idealen Abbild hochzustilisieren, sondern mit verbrieften Beispielen aus der Vergangenheit korrespondieren zu lassen.

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