Thema

Am Nullpunkt

Der Regisseur und Dramatiker Joël Pommerat über die Selbstbefragung der französischen Gesellschaft im Gespräch mit Lena Schneider

von und

Wenn wir uns heute in einer Situation wie der in „Ça ira“ befinden, in einer Periode des Übergangs, dann hätte die Gegenwart trotz allen Entsetzens bizarrerweise etwas Konstruktives an sich.
Es ist heute unmöglich, das auszusprechen: dass sich in der Tragödie, die passiert ist, im Kern etwas Konstruktives befindet. Aber zweifellos erinnert uns die Tragödie an eine Notwendigkeit, zu handeln, sich bestimmten Dingen entgegenzustellen, etwas vorzuschlagen. Als ich Anfang Januar „Ça ira“ schrieb, war ich gerade in einem Moment des Zweifels. Ich wusste plötzlich nicht mehr, warum ich das schrieb. Ich sagte mir, was für ein Blödsinn, das wird niemanden außer mir interessieren. Damals wohnte ich 500 Meter von der Charlie Hebdo-Redaktion entfernt. Am 7. Januar hörte ich die Sirenen, sah die Nachrichten im Fernsehen in Dauerschleife. Was ich da gerade schrieb, machte plötzlich wieder Sinn. Die Attentate damals nahmen eine Art Nebel von den Dingen, machten die offenen Fragen klarer sichtbar.

„Ça ira“ ist also nicht in Reaktion auf die Attentate auf Charlie Heb-do entstanden? Das hatte ich angenommen.
Nein, ich hatte schon ein Jahr lang daran gearbeitet. Seit 15, 20 Jahren lebt Frankreich eigentlich mit der Dauerfrage: Wie lange wird es noch dauern, bis es explodiert? Könnte der Front National tatsächlich den Präsidenten der Regierung in Frankreich stellen? Schon die Frage selbst ist ungeheuerlich. Sie wird von Tag zu Tag alltäglicher, weil wir diese Fähigkeit haben, uns an alles zu gewöhnen. Ich selbst habe kein anderes Mittel als das Theater, um aktiv zu sein. Trotzdem war „Ça ira“ für mich kein politischer Akt, sondern ein künstlerischer. Das genügt. //

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