Thema

Mit Ost und West auf Nord

Zwischen knorrigem Knausgård und totaler Erschöpfung – wie Yana Ross Tschechow mit dreifach frischem Blick skandinavisiert

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Die Schauspielerin Irina, von der ebenfalls sehr populären Halldóra Geirharðsdóttir verkörpert, hat eigentlich kein Problem mit neuen Kunstauffassungen, sondern nur recht egomanische Sorgen um das Älterwerden als Bühnenstar. Bei diesem Thema setzt Regisseurin Yana Ross noch eins drauf, wenn Nina im vierten Akt nicht wie sonst üblich als etwas heruntergekommene, gebrochene Möwe erscheint, sondern in Gestalt der über sechzigjährigen Guðrún Snæfríður Gísladóttir wie ein dunkler Schatten hereintritt. Was ja auch wieder zu BT und seinem bösen Spiegel aller zurückführt. Eine Art doppelten Boden erhält diese Tschechow-Aufführung außerdem dadurch, dass die fast alle auch vom Film bekannten Schauspieler diesen Status in die jeweilige Figur einbringen – im Grunde also eine von ihren Ängsten und Eitelkeiten getriebene Schauspielergesellschaft darstellen, in der dann Knausgård-BT logischerweise der scharfsinnige Außenseiter ist, den zudem noch keine Alterssorgen umtreiben müssen.

Es ist die zweite Tschechow-Arbeit von Yana Ross, die in mehrfacher Brechung von dort kommt, wo man Tschechow vielleicht noch am traditionellsten zu Hause wähnt. 1973 in Litauen geboren, ging sie in Moskau zur Schule und begann dort, in den wilden Jahren des Zerfalls der Sowjetunion, an der Akademie für Theaterkunst GITIS Regie zu studieren. Ihr Abschlussdiplom als Regisseurin erlangte sie Jahre später 2006 an der renommierten Yale School of Drama in den USA, wo man bekanntlich großen Wert auf die handwerklichdramaturgischen Grundlagen des Theaters angelsächsischer Prägung legt, aber kaum Aufbrüche und Visionen im Sinne des europäischen Regietheaters pflegt. Allerdings ist Yale seit den Zeiten Eugene O’Neills auch immer ein amerikanischer Hort des neuen Dramas gewesen, und so überrascht es nicht, dass die ersten Inszenierungen von Ross sich aus allen diesen verschiedenen Schulen und Anregungen quasi transkontinental zusammensetzen. „Clean House“ der jungen Amerikanerin Sarah Ruhl in Moskau, „A Kingdom in the Snow“ von Lola Arias in New York, Elfriede Jelineks „Bambiland“ am Theater von Oskaras Koršunovas in Vilnius, wo sie heute wieder lebt und vor zwei Jahren die viel beachtete Erstaufführung von Tadeusz Słobodzianeks „Unsere Klasse“ am Nationaltheater inszenierte. Klassiker gehörten erst mal nicht zu diesen Anfängen, obwohl es mit Heiner Müllers „Macbeth“-Version 2008 auch einen kurzen Abstecher an die Berliner Volksbühne gab. Mit Tschechow konnte sie jetzt ihre Regiearbeit erweitern – als Adaption eines modernen Klassikers auf die Theaterbedingungen in Island und zuvor schon in Schweden.

2014 inszenierte sie „Onkel Wanja“ in Uppsala. Auch hier war alles von den russischen Ursprüngen abgerückt in eine sportlich-lässig bis nachlässig gekleidete Sommergesellschaft westlicher Lebensart. Der New Yorker Bühnenbildner Zane Pihlstrom, fast immer der Ausstattungspartner von Ross, zitiert zwar noch eine Tür und ein Möbelstück aus der Entstehungszeit des Stücks im Hintergrund, aber das dient konsequenterweise dem Bild der allmählichen Auflösung von heutigen Gartenstühlen und Bierkästen in einer trunkenen Mittsommernacht. Aus deren marthalerhafter Trägheit reißen die Freunde Wanja (Mathias Olsson) und Astrow (Yngve Dahlberg) als Mini-Rockband aus alten Garage-Grunge-Tagen immer mal wieder ein akustisches Ausrufungsfragezeichen – war’s das jetzt schon, mit vierzig plus? Das hat Gustav Levin als Professor Serebrjakow (als Einziger im dunklen Anzug) längst für sich in Champagnerlaune beantwortet. Echte Konflikte dürften ihn in dieser weitgehend erschöpften Gesellschaft nicht mehr erreichen, während die Grenzen zum Prekariat bei den Jüngeren noch sanft zerfließen. Einen Knausgård-Stachel gibt es hier höchstens, wenn Astrow die Sommerhitze als Klimawandel beschwört, der inzwischen auch die wohltemperierte schwedische Gesellschaft erreicht hat.

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