Neuer Realismus

Wir Ichlinge

Wie das Theater als vorpolitischer Raum der Vereinzelung im Neoliberalismus entgegenwirken kann. Thomas Ostermeier im Gespräch mit Wolfgang Engler

von und

Wenn du von Aufklärung sprichst und dabei sehr verständlich vermeidest, auf der Bühne in Zukunftsbildern zu schwelgen, was ist dann der Status dieser Aufklärung? Scheitern als Chance, es dermaleinst besser zu machen? Ist das nicht doch eine andere Aufklärung als jene, auf die wir beide uns beziehen, die europäische Aufklärung von der Mitte des 18. Jahrhunderts an, die von einer hoffnungsvollen Aussicht auf die Zukunft getragen war, die auf weit mehr zielte als das, was sich unter bürgerlich-kapitalistischen Verhältnissen realisieren ließ? Die damit einhergehende Enttäuschung kann dazu führen, die Aussicht gleich mit zu verabschieden. Es war eben nur eine heroische Illusion. Dann bleibt wenig mehr, als diese Illusion wieder und wieder zu zerfleddern, indem man den Leuten den Spiegel vorhält oder selbst reinschaut und feststellt, dass unter den obwaltenden Umständen der Mensch dem Menschen nicht brüderlich, nicht schwesterlich gesonnen ist. Man kann ihm allenfalls zumuten, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, so gut es geht. Selbstveränderung statt Weltveränderung, Aufklärung als Therapie?
Im Oktober 2012 war Colin Crouch beim „Streitraum“ und hat sein Buch „Postdemokratie“ vorgestellt. Wir fragten ihn, wo denn das revolutionäre Subjekt sei. Er sagte, er sehe ganz viel Potenzial bei Migranten oder Frauen. In unserer Gesellschaft müssten es die Frauen sein. Diese These fand ich brisant und erstaunlich. Er meinte, auf der Welt wird die Arbeit zum größten Teil von Frauen gemacht. Daran muss ich denken, wenn du mich hier zum Thema Aufklärung befragst. Denn schon zuvor stand über lange Zeit die Stellung oder Ungleichstellung von Frauen in unserer Gesellschaft in meinem Fokus, angefangen bei „Nora“, „Hedda Gabler“, „Maria Braun“. Es gibt hier eine Linie, und im Nachhinein denke ich, das war vielleicht instinktiv. Es war kein politisches Projekt, aber es gab zumindest eine Sehnsucht nach einem handlungsfähigen politischen Subjekt. Wenn man jetzt sagt: „Ostermeier, das ist nur Therapie und keine wirkliche Aufklärung“, kann ich eine Geschichte erzählen: Nach einer Aufführung kam mal eine Frau auf mich zu und sagte: „Ich muss Ihnen das unbedingt erzählen, auch wenn Sie mir das nicht glauben. Ich war in Ihrer ‚Nora‘ und habe mich danach von meinem Mann scheiden lassen.“

Ein klassischer therapeutischer Effekt.
„Als es dann so schwierig wurde, weil ich auch zwei Kinder mit dem Mann habe und wir vor Gericht waren, bin ich extra noch mal reingegangen, um mich darin zu bestärken, dass es die richtige Entscheidung war.“ Das ist eine Therapie – und kann aber auch zur echten Aufklärung werden. Natürlich sind meine Arbeiten nicht dazu bestimmt, einzelne Frauen in die Scheidung zu treiben, sondern dazu, über Verhaltensmodelle nachzudenken. Das Modell der bürgerlichen Ehe hängt historisch mit der Erfindung des Privateigentums zusammen. Davor war diese Frage nicht so wichtig. Ich bin überzeugt, dass wir das überwinden müssen, weil so viel Unglück daran hängt, bis heute. Warum wird die Ehe so begünstigt? Warum ist der Staat nach wie vor daran interessiert, dass die Ehe das Lebensmodell seiner Bürger ist? Diese Schnittstelle von Politik und Privatheit ist etwas, das ich mit anhaltender Leidenschaft untersuche.

Von irgendwo muss man aufbrechen, und was liegt dabei näher als die alltäglichen Lebensverhältnisse? Freilich kann man sich bei diesem Aufbruch auch gehörig in den Privatverhältnissen verstricken, ohne einen Blick auf den Grund der Misere zu werfen.
Andererseits ist damit natürlich immer eine Hoffnung verbunden, die Menschen aus diesen isolierten Verhältnissen rauszuholen, sodass sich durch eine andere Form des Zusammenlebens auch ihr Bewusstsein verändert und den Boden mitreflektiert, auf dem sie stehen.
Eine Frau, die in einer Versorgungsehe gefangen ist, ist schwerer zu revolutionieren als eine Frau, die diese Sequenz ihrer Biografie hinter sich gelassen hat, rausgeht, sieht, wie viele andere Frauen in Berlin alleinerziehende Mütter sind. Ein Drittel der Ver -sorgungsempfänger in Berlin sind alleinerziehende Mütter. So entsteht vielleicht eine kleine Multitude. Wir fangen an, in unseren elenden Beziehungsverhältnissen oder unseren bürgerlichen Ehen, in die wir eingeschlossen sind, den Nukleus für die gesamten Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu sehen, und kriegen dann ein Gespür dafür, dass es nicht reicht, die individuelle Situation zu verändern.
Was mich in diesem Zusammenhang beschäftigt, ist der Fluch der Authentizität. Ich glaube, das ist eine der besten Ausbeutungsstrategien, diese Schimäre der Authentizität. Wenn du keinen Job hast, liegt das Problem bei dir und du musst dir überlegen, dich für die Arbeitswelt zu tunen. Dieses Veränderedich-selbst, die Einforderung von Authentizität, ist das Mantra unserer Zeit: Sei ganz du selbst. In allen Momenten, wo jemand von sich glaubt, authentisch zu sein, oder es bei einem anderen einfordert, sehe ich ihn im festen Griff der Verwertungsmechanismen des herrschenden Neoliberalismus. Er wird einerseits entsolidarisiert durch die Sehnsucht nach Authentizität, weil er glaubt, es gibt ein Ich, das nur ihn ganz allein ausmacht und ihn von allen anderen Ichlingen um ihn herum unterscheidet. Zum anderen wird er zurückgeworfen auf Selbstfindung, auf Selbsttherapie und aus den Prozessen politischer Bewusstseinswerdung rausgebombt.

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