Neuer Realismus

Wir Ichlinge

Wie das Theater als vorpolitischer Raum der Vereinzelung im Neoliberalismus entgegenwirken kann. Thomas Ostermeier im Gespräch mit Wolfgang Engler

von und

Das betrifft in besonderer Weise auch die Künste, das Theater. Es gab im Januar eine Debatte in der Akademie der Künste in Berlin, zu der ich eingeladen war. Eines der Themen, die dort diskutiert wurden, lautete: Hat das Verwandlungstheater noch eine Chance? Ist es noch kompatibel mit den sozialen, kulturellen Selbstverständlichkeiten unserer Zeit? Die Fragestellung zeigt, wohin es mit dem Mimetischen in unseren Tagen gekommen ist. Wer sich dazu bekennt, muss fast schon Minderheitenschutz für sich beantragen und in Kauf nehmen, dass er belächelt wird.
Das kann man aber theaterpraktisch ganz leicht kontern: Wenn der authentische Darsteller seiner selbst, der meinetwegen Waffenhandel im arabischen Raum betreibt, seine Erzählung, die ihn vielleicht sogar beunruhigt und schockiert, am nächsten Tag wieder performen muss, wird er in diesem Moment zum Darsteller seiner selbst. Das heißt, er ist nicht mehr authentisch, auch im performativen Theater nicht.

Um jeden Preis authentisch sein zu wollen hei ßt, sich einer kulturellen Norm zu unterwerfen, und das ist nun wirklich alles andere als ein Ausweis eines authentischen Selbst.
Trotzdem frage ich mich, was die Ursachen dafür sind. Woher kommt diese Krise des mimetischen Theaters? Der Mensch als Erfinder von spielerischen Masken und Möglichkeiten ist doch ein utopisches Moment. Das hat doch an sich eine politische Schönheit. Warum sind wir in diese Krise geraten? Ich glaube, dass die Masken, die sich das postdramatische Theater in seinen Performances aufsetzt, theatrale Masken sind, das heißt, es sind Kunstimitate. Man imitiert nicht soziale Wirklichkeiten oder soziale Masken, die man in der Wirklichkeit beobachtet hat, sondern man imitiert Castorf, man imitiert Pollesch, man imitiert Fritsch, man imitiert Stemann und sucht seine Vorlagen für das Spiel nicht in der Wirklichkeit, sondern in anderen theatralen Kontexten. Ich glaube, deswegen sind wir in diese Krise geraten; deswegen empfinden wir es als befreiend, dass Amateure auf der Bühne stehen.

Ja, ich fand das interessant bei eurem Gespräch in „backstage“: Du beschreibst an einer Stelle Übungen, die du mit den Schauspielern machst, um sie vom Recycling von Secondhand-Erlebnissen, von gängigen theatralen Mustern abzubringen und das Spiel an ihre persönlichen Erfahrungen, an alltägliche Eindrücke, Praktiken, Umgangsformen anzuknüpfen, von dorther zu beleben und zu dramatisieren. Man kann darin die methodische Einlösung jener Forderung vermuten, mit der ihr 1999 an der Schaubühne angetreten seid: „Wir brauchen einen neuen Realismus!“ Das war schon das Markenzeichen der Baracke am Deutschen Theater und zielte damals wohl vor allem auf die ästhetische Programmatik, auf den Spielplan.
Das war für mich eine wirklich emotionale Angelegenheit, weil ich wütend darüber war, dass es in dieser Bundesrepublik Sozialwirklichkeiten gibt, die nicht auf der Bühne stattfinden. Ganz einfach. Das war ja vorbei. Das hatte seine Hochzeit in den Achtzigern, dann vielleicht noch mal ganz kurz Anfang der Neunziger. Damals stieß ich auf die neue britische Dramatik, die auf einmal Lebenswirklichkeiten von Ausgeschlossenen dieser Gesellschaft auf die Bühne brachte. Das Schöne dabei war, dass es nicht die Ausgeschlossenen von Maxim Gorki am Anfang des 20. Jahrhunderts waren, sondern Ausgeschlossene aus den neoliberalen Verwertungsgesellschaften von heute. Es kam auch wieder das Klassenbewusstsein ins Spiel. Als die strukturalistischen Diskurse auch in Deutschland angekommen waren und alle sagten: „Das Subjekt ist tot. Das Handlungsmächtige schon lange. Wo erlebst du dich denn überhaupt als Subjekt?“, war meine Antwort: „Spätestens am Ende des Monats, wenn ich weiß, es sind noch acht Tage bis zum Monatsletzten und ich hab kein Geld mehr auf dem Konto, ich kann mir nichts zu essen kaufen. Da erlebe ich mich als Subjekt! Und wenn ich einen Scheißjob machen muss, Nachtarbeit machen muss oder“ – wie ich es gemacht habe – „in Tempelhof am Fließband stehe und für die Gillette-Rasierklingenfabrik Rasierklingen in Plastikbehälter einpacke, dann erlebe ich mich als Subjekt, weil ich das einfach Scheiße finde.“ Die ganze Rede vom Ende der Subjekte, der Subjektivität war ein Luxusdiskurs der rich kids, und dagegen wandte ich mich.

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