Neuer Realismus

Wir Ichlinge

Wie das Theater als vorpolitischer Raum der Vereinzelung im Neoliberalismus entgegenwirken kann. Thomas Ostermeier im Gespräch mit Wolfgang Engler

von und

Dazu gehörte auch die Vorstellung, die noch immer viele Gemüter beherrscht, dass die soziale Welt viel zu komplex ist, um von normalsterblichen Menschen verstanden und durch ihr Handeln beeinflusst werden zu können; dass es in dieser Welt keine Verantwortlichen, keine Schuldigen mehr gibt und aller Protest leerläuft. Deine Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ thematisiert beides: die Selbstermächtigung eines Einzelnen, sein Subjekt-Werden im Widerspruch gegen das falsche Einverständnis, und die Isolation, in die das mündet, wenn der Einzelne allein bleibt und all jene sich von ihm zurückziehen, die sich zunächst mit ihm verbündeten. Die Arbeit war in vielen Ländern zu sehen. Das Publikum war aufgerufen, sich in den Vorgang einzumischen. Wie fielen die Reaktionen überwiegend aus: „Ja, leider, aber so ist der Gang der Dinge“?
Sie sagten: „So ist es“, aber nicht schulterzuckend, sondern ihnen liefen dabei die Tränen runter. Sogar in den Zentren des Kapitalismus. Das war für mich eine der unglaublichsten Erfahrungen in New York, wo ich es überhaupt nicht erwartet hätte. Leute sind aufgestanden und haben Redebeiträge gehalten, wesentlich besser ausformuliert als im deutschsprachigen Raum, über das Ende des Kapitalismus. Mit Beispielen über die Verstrickung von Industrie und Politik in den USA. Von Politik und Medien in den USA. Über die New York Times, wie sie Unwahrheiten verbreitet. Hinter einem jungen Mann, der sich besonders ereiferte, saß eine Frau, der die Tränen runterliefen, weil sie auf einmal merkte, dass sie ihre isolierte Erfahrung von Wirklichkeit teilen kann. Auf einmal merkte sie: Da sind noch ganz viele andere, die so denken und so empfinden. Die grundsätzliche Erfahrung weltweit war, dass keiner mehr glaubt, dass man in den Strukturen der Teilhabe, die der parlamentarische Kapitalismus für uns bereithält, Wirklichkeit nachhaltig verändern kann. Diese Analyse der Postdemokratie von Crouch ist ziemlich stichhaltig, jedenfalls nach unseren Erfahrungen, mit Ausnahme der Länder, die als Schwellenländer bezeichnet werden, da gibt es diese Hoffnung noch. Die Inder sind viel stolzer auf ihre Demokratie und darauf, dass sie es erreicht haben, den Kolonialismus abzuschütteln. Das trägt über Generationen. Zugleich sind sie süchtig nach politischen Diskussionen, danach, sich darzustellen mit ihren politischen Standpunkten. Sie sind stolz auf ihr Land, wollen, dass es sich bewegt. In Neu-Delhi hat eine Antikorruptionspartei in den Regionalwahlen 90 Prozent der Stimmen bekommen, während wir da waren, und hat komplett alle bisherigen etablierten politischen Parteien weggefegt.

Das ist es doch, was dem Raum des Theaters so einzigartig eingeschrieben ist, als Versprechen, als Möglichkeit, die eigene Erfahrung unmittelbar, im direkten Kontakt mit anderen auf die Erfahrung ebendieser anderen zu beziehen, aus meinem Kokon herauszutreten und zu sehen: Was mir begegnet, ist auch anderen vertraut, zumindest nicht unzugänglich. Das neoliberale Regime unternimmt alles, um mich in meiner Erfahrung einzuschließen. Jeder sein eigener Fall. Das Theater besitzt das Potenzial, die unsichtbaren Trennwände für die Dauer einer Vorstellung niederzureißen, sichtbar, spürbar zu machen, was möglich wäre, sobald Menschen sich zwanglos austauschen.
Deswegen war es für mich so wichtig, irgendwann die Gelder aufzutreiben, um zu den Gastspielen von „Ein Volksfeind“ Kameras mitzunehmen. Es war wichtig, weil nach jeder Aufführung Leute zu uns kamen und fragten: „Wo kann man das denn sehen, was wir gerade gemacht haben? Ihr habt doch mitgefilmt.“ Für mich ist es in aller Bescheidenheit fast ein politischer Akt, global zu zeigen, wie viele Brüder im Geiste diese Zuschauer haben. Und wenn du dir die Aufführung in Istanbul anguckst und dieses Feedback … wow! Wie die Leute da aufstehen und sagen: „Wir leben hier in der Türkei im Faschismus.“

Ein vorpolitischer Raum, den man jeden Abend haben kann, der Erfahrungen vergemeinschaftet, das ist doch großartig.
Das ist ganz, ganz großartig. //

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