Thema

Wo ist Wir?

Armin Petras im Gespräch mit Nicole Gronemeyer

von und

Die Kunstwissenschaft spricht momentan von der postautonomen Kunst; man fragt weniger nach der Souveränität des Subjekts, sondern nach Zusammengehörigkeit, nach Verbindlichkeit und nach der Überwindung dieses Zwangs zur zwanglosen Individualisierung.
Was Sie mir einreden wollen, ist, dass es zwischen dem Individuum und der Gruppe einen Widerspruch gibt. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass in dem Augenblick, in dem ich wirklich Teil einer Gruppe bin, ich dann auch befähigt bin, Individualität auszubilden. Individualität als eine sich spiegelnde Individualität, die innerhalb einer gesellschaftlichen Formation in der Lage ist, Pflichten und Rechte, Chancen und Risiken einzuschätzen und das auszuagieren, auch mal Grenzen zu übertreten, aber auch wieder zurückgeholt zu werden und dabei zu wachsen – also als ein positiver Konsensprozess beschrieben. Ich erlebe, dass das extreme Gegenteil zunimmt und dass es für einen Diskurs in der Gesellschaft keine gemeinsame Ebene mehr gibt. Das Ich ist nicht existent ohne das Wir. Das ist eine Fiktion dieser Gesellschaft, eine Fiktion, wie diese Gesellschaft uns machen will: me, myself. Optimiere dich selbst – was auch immer. Ich glaube das alles überhaupt nicht.

Das Individuum kann als solches nur existieren, wenn es das andere anerkennt. Wann schlägt die Kleist’sche Radikalität gegen das Anerkennen des anderen aus?
Das ist eine spannende Frage. Ich würde mit dem Realismus antworten wollen. Ich habe den Eindruck, dass Realismus zwei Seiten hat. Die eine bedeutet, sinnvoll Zusammenhänge der Welt zu durchleuchten und sie dann wiedererkennbar zu beschreiben. Die zweite Seite dieser Idee ist, Unzumutbarkeiten, unüberwindbare Widersprüche, Katastrophen im Ich so zu beschreiben, dass es für den Betrachter, in diesem Fall für den Leser oder für den Zuschauer von Kleist, klar wird, dass dieser Zustand der Welt nicht aushaltbar ist und man deswegen selbst aktiv werden muss. Das ist für mich das andere Modell von Realismus und kann genauso ein Impuls sein, etwas zu tun und aktiv zu werden.

Thomas Ostermeier beschreibt in einem Gespräch für diese Reihe (TdZ 2/2016), dass ihn die internationalen Reaktionen auf den „Volksfeind“ sehr berührt haben, weil das Publikum begriffen hat: Es gibt ganz viele andere, die genauso denken wie ich.
Die solidarische Idee! Das ist etwas, das im Theater grundsätzlich eine wunderschöne Erfahrung ist. Ich habe niemals einen anderen Raum erlebt, wo im besten Fall fünf-, sechshundert Menschen aus verschiedenen Altersklassen, sozialen Bereichen, Ländern und unterschiedlichen Geschlechts an derselben Sache teilnehmen und permanent reagieren, auch aufeinander reagieren. Das ist eine Form von Teilhabe, eine Form von Gemeinschaft, und jeder hat sich seine Karte selber besorgt, da ist niemand gezwungen worden. Ich kann da auch rausgehen und ich kann da auch rumschreien. Es ist eine unfassbar komfortable Form von Gemeinschaft und gleichzeitig die absolute Möglichkeit, so etwas wie eine Freiheit zu genießen.

Gibt es mit Blick auf das Publikum einen Unterschied zwischen Ihnen als Autor und Ihnen als Regisseur?
Wenn man mal Regisseur und Intendant zusammennimmt, dann gibt es da einen großen Unterschied. Als Autor suche ich absolute Radikalität, und damit meine ich nicht schrecklich oder wütend, sondern vom Wort her an die Wurzel gehend. Schreiben macht nur Sinn, wenn man alles infrage stellt, auch das, was bisher geschrieben worden ist, sonst hat es keine Sprengkraft, sonst ist es sinnlos. Anders kann ich es nicht denken. Das andere ist natürlich – und da sind wir bei den Problemen des Realismus –, das Ganze ist eine gemeinsame Veranstaltung. Da sind zwanzig Leute auf der Bühne und fünfhundert Leute im Zuschauerraum. Da sollen auch fünfhundert Leute im Zuschauerraum sein und nicht sechzig. Dafür muss eine Darstellungsform gefunden werden, die, Ostermeier würde sagen: lesbar ist. Ich würde sagen: Es muss eine minimale Lesbarkeit vorhanden sein. Ich will denen da draußen eine Chance geben. Ich will aber so weit wie möglich der Wirklichkeit auf die Spur kommen. Es soll auch Darstellungs- und Untersuchungsformen geben, die neu sind, die anders sind, die ungewollt sind, die schockieren, die irritieren.

Welche Bedeutung haben da die Schauspieler?
Zumindest in der Sorte Theater, die wir machen, sind sie nach wie vor absolut im Zentrum. Es gibt hier natürlich auch andere Menschen auf der Bühne. Es gibt, wie Rimini Protokoll so schön sagt, Experten des Alltags. Es gibt auch Tiere, es gibt auch Video, es gibt auch Musik. Dennoch steht hier ganz deutlich der Schauspieler im Zentrum. Ich glaube auch, dass besonders schwierige oder neue Formen der Darstellung viel schneller angenommen werden, wenn sie von Schauspielern dargestellt werden, zu denen die Zuschauer Vertrauen haben, vor denen sie Achtung haben. Das ist ein ganz interessanter Prozess.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Amüsement und Skandal

Das diesjährige Augsburger Brecht-Festival unter der neuen Intendanz von Patrick Wengenroth

Brauchse Jobb?

Das Favoriten-Festival 2020 in Dortmund zeigt die Lichtund Schattenseiten von bezahlter und unbezahlter Arbeit

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann