Thema

Wo ist Wir?

Armin Petras im Gespräch mit Nicole Gronemeyer

von und

Ich würde gerne auf die Frage des Schauspielers weiter eingehen, weil sich damit unterschiedliche Realitätskonzepte verknüpfen. Bernd Stegemann unterscheidet zwischen mimetischem und postmodernem Theater und sagt: „Die Lüge des Theaters gehört zu seiner Einmalerfindung. Einer spielt vor einem anderen etwas Drittes vor. Da alle diese Lüge kennen, ist sie die Möglichkeit für Wahrheit. Wer diese Lüge ungeschehen machen möchte, produziert die viel größere Lüge des Authentischen, die dann innerhalb der Behauptung des Echten und Authentischen nicht mehr aufgelöst werden kann. Das mimetische Theater lügt offensichtlich, um die Wahrheit hinter den Verabredungen erscheinen zu lassen. Das postmoderne Theater hat Angst vor der Lüge und sichert sich mit den Verfahren des theatralischen Readymade oder der Selbstreferenz ab.“
Ich halte beides für absolut richtig und möglich. Ich finde den ersten Teil von Stegemann super beschrieben, denke aber, dass es gar keine Lüge ist. Wenn die da auf der Bühne stehen, dann ist die Lüge aufgehoben, weil sie gleichzeitig Darsteller und sie selbst sind. Ich glaube den zweiten Teil nicht. Ich mache gerade ein Projekt, wo beides gleichzeitig auf der Bühne ist: Sieben Witwen, die mit Schauspielern drei Monate zusammengearbeitet haben, sitzen auf der Bühne, und die Schauspieler spielen sie nach. Das heißt: Die Witwen spielen gar nicht, sind aber da. Da ist die Frage: Wer sind sie? Sind sie Spieler oder sind sie real? Das ist quasi eine Mischform aus beidem. Ich finde es lustig, dass das ein Konflikt sein soll. Das sind zwei verschiedene Möglichkeiten von Theater. Und dass ich zu achtzig oder neunzig Prozent die eine Form mache, weil ich das gelernt habe und weil mich das interessiert, heißt überhaupt nicht, dass das besser ist als das andere.

Das sind zwei Möglichkeiten von Theater. So kann man es auch beschreiben. Was er versucht zu sagen, ist: Die andere Möglichkeit, Theater zu machen, produziert eine Lüge, über die es sich selbst nicht im Klaren ist und die sich deshalb als absolut und wahrhaftig darstellt.
Es gibt Kollegen, die behaupten, das ist die einzig sinnvolle Weise, überhaupt noch Theater zu machen, weil es keine Lüge ist. Das ist totaler Quatsch, natürlich ist das genauso eine Lüge. In dem Augenblick, wo sie das auf der Bühne darstellen, ist es ja gar nicht mehr die Realität, sondern eine wie auch immer geartete Chimäre. Ob das einen Mehrwert hat, weiß ich nicht.

Milo Rau hat in unserer Reihe Jean-Luc Godard zitiert, wonach Realismus nicht meint, dass etwas Reales dargestellt wird, sondern dass die Darstellung selbst real ist. Alexander Kluge sagt dazu, dass Godard und Rau völlig recht haben, nur dass das, was Rau macht, zur Wirklichkeit gehört und nicht zum Theater.
Ich bin der Meinung, dass alles, was Theater ist, Theater ist. Alles, was sich selbst als Theater bezeichnet, ist Theater. Es geht immer um die Fiktion, es geht immer darum, was ich glaube, was Theater ist. Wenn mein Sohn und meine Tochter zusammen Theater spielen, spielen sie ihr Leben durch und sind doch Darsteller. Und wenn sie zu mir sagen, dass das Theater ist, dann ist das Theater. Die haben Theater nicht studiert, die waren nie an einer Schauspielschule. Trotzdem ist das Theater. Die verlangen auch Eintritt – ziemlich viel sogar. Die wissen, was sie wert sind.

Und sie spielen vermutlich so, wie sie es als Commercial Realism aus dem Fernsehen kennen.
Absolut. Ich sag ja nicht unbedingt, dass das Realismus ist. Die Idee von Stegemann, bei Brecht noch mal nachzuschauen, was denn eigentlich Realismus ist, finde ich total hilfreich. Es gibt ja zwei große Probleme. Peter Laudenbach hat in einem SZ-Artikel gesagt, jetzt müsse man mal wieder Georg Lukács lesen. Lukács beschreibt die Methode des realistischen Schaffens als doppelte Arbeit, nämlich erstens als Aufdecken und künstlerisches Gestalten dieser Zusammenhänge, zweitens aber und untrennbar davon als künstlerisches Zudecken der abstrahiert erarbeiteten Zusammenhänge, als Aufhebung der Abstraktion, als Wiederherstellung einer Einheit. Ich empfinde die Beschreibung des künstlerischen Schaffensprozesses der Realisten durch Lukács auch heute noch als möglich und hilfreich. Problematisch hingegen erscheint mir seine Vorstellung vom Resultat dieses Prozesses, nämlich eine formale Geschlossenheit nach dem Vorbild der Romane des 19. Jahrhunderts, also Stendhal, Balzac oder Flaubert. Brecht hat sich in der Expressionismusdebatte indirekt gegen dieses Diktum von Lukács gewandt, indem er dagegenhielt: „Das kämpfende, die Wirklichkeit ändernde Volk vor Augen, dürfen wir uns nicht an ‚erprobte Regeln‘ des Erzählens, ehrwürdige Vorbilder der Literatur, ewige ästhetische Gesetze klammern. Wir dürfen nicht bestimmten vorhandenen Werken den Realismus abziehen, sondern wir werden alle Mittel verwenden, alte und neue, erprobte und unerprobte, aus der Kunst stammende und anderswoher stammende, um die Realität den Menschen meisterbar in die Hand zu geben.“ Da bin ich auf Brechts Seite. Es gibt jetzt Autoren und Welten, die viel fraktaler, viel beschnittener sind. Da müssen wir andere Formen der Darstellung finden, um Realismus herzustellen. Das ist das eine Problem, die geschlossene Form.
Das andere betrifft mich als Theaterleiter: Es gibt gerade bei neuen theatralen Abbildungen von Wirklichkeit, die im Sinne der Moderne neue Formen der Wirklichkeitserforschung suchen und finden, eine große Differenz zwischen dem, was die Theatermacher selbst denken, fühlen, wollen, sehen, und dem, was ein Großteil der Zuschauer für realistisch und erkennbar hält. Wenn im Theater nur sechzig Leute sitzen und die dann nach fünf Stunden buhen, dann ist Theater beendet. Wie viel Realismus im Brecht’schen Sinne kann ich mir also leisten? Und wie viel Realismus im Lukács’schen Sinne halte ich aus, um als Theatermacher und Künstler nicht selbst einzuschlafen? Da sind wir wieder bei der Lesbarkeit. Wie lesbar soll ein Theaterabend sein? Und ist Lesbarkeit angesichts der Welt, die uns umgibt, überhaupt noch eine realisierbare Zielvorgabe? Meine Lektüre der Wirklichkeit ist so, dass sie für mich kaum lesbar ist. Wie soll ich das dann in einen geordneten Zusammenhang für Zuschauer bringen? Das ist ein Problem im Theater. Das größere Problem für mich ist, dass das Ganze nur funktioniert, wenn ich das von einem Klassenstandpunkt aus erzähle, wenn ich vom Standpunkt des Proletariats erzähle und den Kommunismus im Blick habe. Wenn das aber komplett wegfällt, was ist dann die Richtung unseres Erzählens? Für wen erzählen wir denn? Für was? Da sind wir wieder ganz am Anfang bei Norbert Elias. Auf welcher Stufe der Zivilisation stehen wir und wohin wollen wir? Wenn ich das nicht weiß, wie kann ich dann überhaupt noch realistisch (und lesbar) erzählen? Oder noch einfacher gefragt: Wo ist mein Standpunkt? Und wenn ich das nicht weiß – wie krieg ich ihn dann raus? Ich hab darauf keine Antwort. Wo ist der Standpunkt der Theater?

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