Gespräch

Was macht das Theater, Sasha Marianna Salzmann?

von und

Sasha Marianna Salzmann, Sie leben mittlerweile zu gleichen Teilen in Berlin und in Istanbul. Die Stadt am Bosporus nennen Sie Ihre „ewige Geliebte“. Was zieht Sie so an?
Sie wissen ja, wie das mit Liebe ist. Sie lässt sich nicht wirklich erklären. Die Gesichter der Menschen, die Sprache, die Kommunikation zwischen den Worten, der Bosporus, die Architektur. Es liegt eine sehr eigene Stimmung über der Stadt. In meinen Augen ist das weniger die resignative Melancholie, die Orhan Pamuk als „Hüzün“ beschreibt, sondern ein melancholischer Aktivismus auf den Straßen, vielleicht so. Beim Verliebtsein gibt es ja die Phase der Überidentifikation, in der man sich für alles begeistert, auch für die Fehler. Darüber bin ich hinaus. Ich will nichts von dem romantisieren, was in der Türkei oder in Istanbul passiert und was mit jedem Monat, den ich hier verbringe, für mich mehr sichtbare Realität wird.

Foto: Esra Rotthoff
Foto: Esra Rotthoff

In den westlichen Nachrichten kommt Istanbul vor allem als Konfliktgebiet vor. Bombenattentate, Kämpfe der kurdischen Bevölkerung um ihre Rechte, dazu Syrien als Nachbarland. Ist eine nervöse Aufgeladenheit des Alltags spürbar?
Natürlich. Man spürt eine pulsierende Dringlichkeit, man lebt, als habe man nicht viel Zeit. Ich gehe fünfmal die Woche über den Taksim-Platz und weiß, dass jederzeit eine Bombe hochgehen kann. Aber wie sollte ich diese Orte meiden? Sie sind die Stadt. Ich wohne in einer kurdischen Gegend, in Tarlabası. Das Leben hier hat eine eigene Schärfe. Es gibt ständig Demonstrationen auf der Istiklal, ständig werden sie gewaltsam aufgelöst. Logisch, dass es Proteste gibt, wenn ein nahezu autokratischer Herrscher wie Erdogan in der Osttürkei die Bevölkerung unter permanentem Beschuss hält. Derselbe Erdogan übrigens, dem die deutsche Regierungschefin jetzt noch einmal drei Milliarden Euro anbietet, damit er die Grenzen dichtmacht.

Was heißen die jüngsten Verhandlungen zwischen der EU und der Türkei für die Menschen vor Ort?
Für die türkische Bevölkerung war das Anreisen von Angela Merkel eine Woche vor der sogenannten Wiederwahl Erdogans im November eine Ohrfeige, weil sie sich gar nicht erst mit demokratischen Kräften getroffen hatte. Dabei kenne ich so viele hier, die wöchentlich für Demokratie demonstrieren gehen, die ihr Leben für sie riskieren. So viele kenne ich in Deutschland nicht.

Gibt es in Istanbul eine andere Solidarität mit Geflüchteten als in Deutschland?
Syrien ist Nachbarland, man empfindet die Menschen, die fliehen, als Brüder und Schwestern. Es gibt, soweit ich das beurteilen kann, eine große Solidarität mit den Fliehenden. Aber wie lange noch? Wenn sich die Geflüchteten in türkischen Großstädten stauen, weil sie nicht weiter durchgelassen werden an Orte ihrer Wahl, werden Verteilungskämpfe anfangen. Es ist eine bewiesene Tatsache, dass, wenn man die Fluchtwege zumacht, es nicht so ist, dass weniger fliehen; es kommen weniger an, soll heißen: Es sterben mehr Menschen. Das ist der Deal, auf den sich Europa eingelassen hat.
An der queeren Community, in der ich mich hier bewege, sehe ich: Die Menschen sind gut vernetzt, helfen, wenn Geflüchtete sich von ihren Familien abkoppeln müssen, weil sie als das, was sie sind, nicht bei ihnen bleiben können. Zu den Eskapaden der Flucht kommt für queere Personen auch noch der ständige Selbstbehauptungs-, Überlebenskampf. In den marginalisierten Communitys weiß man darum und reagiert entsprechend schnell. Das kenne ich aber auch aus Berlin so. Versehrte wissen im Grunde immer und überall, was Ausschluss für (tödliche) Folgen haben kann, und halten anders zusammen. Solidarisieren sich schneller, bilden Allianzen zwischen unterschiedlichsten Gruppen.

Bekommen Sie die beiden Welten überhaupt noch zusammen: den Berliner Kulturbetrieb und das Leben in Istanbul?
Das muss ich glücklicherweise nicht. Was ich merke, ist, dass ich es mir in Berlin leisten kann, abstrakter zu denken, entspannt die Essays von Judith Butler zu lesen, und Zeit habe, mit Freundinnen und Freunden darüber zu diskutieren. Das ist natürlich ein Luxus. Kürzlich habe ich ein Interview zu meinem Stück „Meteoriten“ gegeben, das im April am Gorki Theater herauskommt. Darin wurde ich gefragt, warum die queere Szene in Deutschland so unpolitisch sei. Und ich dachte: Stimmt nicht, wir sind nicht unpolitisch, das habe ich doch am StudioR – gesehen. Die Welt lässt sich nicht einteilen in heteronormative oder homonormative Communitys. Sondern in die, die aktiv die Welt mitgestalten wollen, und die, die das nicht wollen. So erlebe ich es in Istanbul. Weil es dort eine Überlebensfrage ist. //

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