Künstlerinsert

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Der Universalkünstler William Kentridge zeigt sein transdisziplinäres Gesamtwerk erstmals in Berlin

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An den Anfang setzt er die Rauminstallation „7 Fragments for Georges Méliès“. Kentridge widmet sie dem französischen Pionier der Filmkunst, dessen legendären Trickfilm „Die Reise zum Mond“ von 1902 er adaptiert, wenn er auf einer Kaffeekanne in den gezeichneten Kosmos fliegt. Später sieht man dem Künstler in seinem Studio beim Arbeiten zu. Kentridge verdoppelt und verdreifacht sich, tritt aus dem Bild oder löst sich auf wie ein Magier und wird selbst zu einer Art Kunstfigur. Das hat zuvor schon der US-amerikanische Künstler Bruce Nauman versucht, als er in den 1960er Jahren die grundlegende Frage stellte, was ein Künstler eigentlich macht, wenn er im Atelier ganz auf sich selbst gestellt ist. Die daraus entstandenen Bilder seiner Selbstbeobachtungen sind um die Welt gegangen und haben Generationen beeinflusst. Auch Kentridge bedient sich dieser Methode. Oft wandert er in seinem Atelier stundenlang auf und ab. Auf einer seiner berühmten Lecture Performances erläutert er, dass ihm beim endlosen Umherwandern die Ideen langsam in den Kopf kommen. Er nennt das „peripheres Denken“.

Eines der fundamentalen Dinge, die im Studio passieren, sei „die physische Aktivität, Striche zu setzen, auszuradieren und neu zu zeichnen, bei der immer eine Kluft zwischen Kopf und Arm besteht – ein Sichverlassen auf das motorische Gedächtnis der Hand bei der Manifestation von Ideen“. Für William Kentridge entsteht so die eigentliche Kunst. Das Besondere daran sei, dass die Welt auf diese Weise physisch hereinkomme, in Form von Bildern, Gedanken, Gesprächen, Zeichnungen, Texten oder Elementen an der Wand. Das Studio ist der Ort, an dem er die Welt dekonstruiert, auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Kentridge filmt den Vorgang, wie seine Bilder entstehen, als Selbstinszenierung und spielt die Aufnahmen in der Aufführung rückwärts ab. Da läuft dann der Kaffee aus Tassen heraus und kehrt zurück in die Espressokanne, der Pinsel sammelt seine Zeichnungen wieder ein, und die herumfliegenden Bücher werden rücklings vom Künstler aufgeschnappt. Damit gelingen ihm hinreißend poetische, fast philosophische und komische Filmarbeiten, in denen Geheimnisse und allerhand Zauberkraft stecken. In den Ausstellungsräumen wird das Motiv des Künstlerstudios als Wunderkammer wiederholt aufgegriffen. Es erlaubt den Besuchern einen Blick in das Atelier des Künstlers. Neben Arbeiten aus seiner beachtlichen Privatsammlung mit Blättern von Albrecht Dürer, Pablo Picasso, Max Beckmann und Edward Hopper sind Möbel aus dem Studio und technische Geräte zur Bildbetrachtung im Raum arrangiert. Zu sehen sind Grafiken, Skulpturen und vor allem Kentridges „Drawings for Projection“, mit denen der Künstler weltberühmt wurde. Kentridge, der die Kohlezeichnung als das unmittelbarste Medium seines künstlerischen Ausdrucks wählte, findet in dieser scheinbar extrem einfachen Technik seine Freiheit zum assoziativen Denken. Durch sie eröffnet sich für ihn ein Feld der ständigen Transformation und Verwandlung, was ihm gestattet, Bildaussagen unvollendet und offenzulassen.

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