Gespräch

Was macht das Theater, Stefan Stern?

von und

Foto: Vanessa Geppert
Foto: Vanessa Geppert

Stefan Stern, alle Welt will nach Berlin, Sie gehen freiwillig von Berlin nach Frankfurt (Oder). Warum?
Was mich am meisten interessiert, sind Orte und Menschen, die Potenzial haben. Ich hatte in Berlin das Gefühl, immer mehr an die Grenzen des Machbaren zu stoßen. Frankfurt ist zugleich meine Heimatstadt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und hatte schon als Kind die Idee, der Stadt etwas zurückzugeben.

Das ist soziales Denken zu einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt.
Gut, ich war kein Kind mehr, sondern Jugendlicher, junger Erwachsener. Ich habe im Jahr 2000 miterlebt, wie hier das Kleist-Theater geschlossen wurde. Ich war in der letzten Vorstellung. Ich habe Rotz und Wasser geheult und immer noch gehofft, dass sich der eiserne Vorhang hebt und die Schauspieler wieder rauskommen zum Applaus. Aber die kamen nicht. Ich habe das als einen Riss empfunden und gedacht: Hier muss wieder Theater her.

Kann man einer Stadt anmerken, dass ein Theater fehlt?
Ja, man spürt das. Ein Theater kann Themen setzen, die für die Stadt wichtig sind. Ich habe das Gefühl, dass eine Stadt, die kein Theater hat, ihre Identität nicht komplett ausleben kann.

Welche Themen setzt jetzt das Moderne Theater Oderland?
Wir haben viele Themen. Das Problem der Arbeitslosigkeit ist sehr wichtig. Wir haben auch viele Flüchtlinge hier. Wir haben uns auf sehr sanfte Art damit auseinandergesetzt, mit dem Stück „Kleine Engel“ von Marco Baliani. Darin geht es um Sehnsüchte und Träume, und auch der Frankfurter konnte damit mal wieder Träume haben.

Die hat der Frankfurter sonst nicht?
Frankfurter sind verschlossen, etwas griesgrämig sogar. Man mag nicht unbedingt, was aus der Hauptstadt kommt, und da meine ich nicht mal Berlin, sondern Potsdam. Man will hier seine eigenen Themen haben und seine eigene Sprache sprechen, diese Mischung aus Brandenburgisch, Berlinerisch und etwas Sächsisch.

Was bedeutet Heimat für Sie?
Heimat ist ein großer Topf Suppe über einem Lagerfeuer in einer Oderniederung. Eine abgestandene Flasche Bier, aus der niemand mehr trinken will, ist da auch noch. Dann viel zu viele Mücken im Gesicht; Autan hilft gar nicht mehr. Und schließlich eine ganz große Ruhe und Stille. Man kann hier so weit gucken, 50 Kilometer, bis an den Horizont. In der Stadt kann man immer nur bis zu einer Hauswand gucken, es ist immer ein Haus höher als das, aus dem man schaut, und zum Schluss ist da der Fernsehturm. Hier hat man die Weite in der Landschaft. Und man hat auch die Nähe, den direkten Kontakt zu den Menschen – und damit eine Verbindlichkeit.

In Berlin haben Sie mit wichtigen Regisseuren zusammengearbeitet. Wer hat Sie da besonders geprägt?
Thomas Ostermeier hat mich sehr geprägt. Bei ihm habe ich gelernt, ganz nah an die Leute heranzugehen, ihnen auf die Pelle zu rücken und mich nicht im Wischiwaschi zu verstecken. Wichtig war auch die Textarbeit, das Ringen um Betonungen. Mit Falk Richter bin ich thematisch sehr weit gegangen. Die Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, mit dem Leben, Lieben und Sterben im Kapitalismus, wird auch für uns weiter wichtig sein.

Die Kapitalismuskritik an der Schaubühne ist oft eine Kritik aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft. Würde so etwas auch in Frankfurt (Oder) funktionieren, oder muss man das angesichts der Deindustrialisierungs-Erfahrungen anders angehen als am Ku’damm in Berlin?
Die Mitte liegt hier woanders. Nicht im bürgerlichen Milieu, sondern mehr im proletarischen. Das geht alles direkter zu. Da kann man selbst auch direkter agieren.

Wo soll das Moderne Theater Oderland in fünf Jahren stehen?
Hier soll es sein! Eine kleine Subvention von der Stadt oder dem Land wäre schön. Vor allem wollen wir die Kulturinsel für die Stadt Frankfurt (Oder) sein. //

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