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Flucht nach vorn

Das Hans Otto Theater Potsdam muss zehn Jahre nach seinem Neubau wieder das Improvisieren lernen – zu seinem Glück

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Eine weitere Strategie, neben dem Komischen, dem Historischen und den vor allem Regisseur Alexander Nerlich zu verdankenden Klassikerauffrischungen („Faust“, „Hamlet“, „Peer Gynt“), ist in Potsdam das Erzählerische, vornehmlich in Romanadaptionen. Uwe Tellkamps „Der Turm“ war 2010 Wellemeyers erster großer Erfolg. Die Bühnenfassung lässt das Vorwendepanorama aus der Perspektive von Christian (Holger Bülow) erzählen, als düster-reißerischen Krimi im blattlosen deutschen Märchenwald (siehe TdZ 2/2011). 2012 folgte mit „Krebsstation“ nach Alexander Solschenizyn ein elegisch-humoriges Abbild der späten, erstarrten Sowjetunion – in der das Potsdamer Publikum die eigene (DDR-)Vergangenheit aber nicht erkennen konnte oder wollte. Ebenfalls 2012: die viel diskutierte Adaption von Tellkamps Erstling über Eliten-Rechtsextremismus, „Der Eisvogel“ (Regie Stefan Otteni), der rückblickend den AfD-Erfolg vorwegnahm: 2014 zog sie in den Potsdamer Landtag ein.

Die zurückliegende Spielzeit, Wellemeyers siebente, ließ aufhorchen. Schon der Auftakt, „Das schwarze Wasser“ von Roland Schimmelpfennig in der Regie von Elias Perrig, war eine Ausnahme: eine klar erzählte, konzentrierte, uneitle Inszenierung, die zeigte, dass es sehr wohl auch spielbare zeitgenössische Stücke gibt. Sie brauchte nichts als sieben Spieler und ein paar Stühle, um pfeilgenau vom Heute zu berichten. Zwei Jugendgruppen, eine deutsch-bürgerlich, eine deutsch-migrantisch, treffen hier an einem Swimmingpool aufeinander. Sie streiten, reden, feiern eine Nacht lang – und fallen dann zurück in ihre vorgeschriebenen Lebensbahnen. Fatalistisch? Eher traurig lebensnah. Anfang 2016 wieder eine Romanbearbeitung, die hier um die Ecke endet, „drei Kilometer vor Potsdam“: „Kruso“ nach Lutz Seiler (siehe TdZ 3/2016). Ein Abend, der nicht den Fehler macht, ins Nostalgische abzugleiten. Ein wichtiger Abend, weil er – endlich! – den Blick in die jüngste Vergangenheit fortführt, gegen jene wütende Sucht, die hier um sich greift.

Die Gegenwart prallte manchmal mit solcher Wucht auf das Potsdamer Theater, dass es wirken konnte, als sei es in eine Schreckstarre verfallen. Im September 2015, als es aus anderen Theatern Pressemeldungen zu Flüchtlingsaktionen hagelte, herrschte hier Ruhe. Nach außen hin. Innen brodelte es. Ensemblemitglieder engagierten sich privat. Es entstand ein „Refugees’ Club“. Es entstanden Workshops mit Flüchtlingen. Der Jugendclub machte die Flüchtlingskrise auf eigenen Wunsch zum Thema, es entstand gemeinsam mit Willkommensklassen das Projekt „Flucht nach vorn“. Dazu kam „Illegale Helfer“, ein Stück von Maxi Obexer, das fragt, wie weit Mitmenschlichkeit gehen darf. Derzeit sucht die Autorin zusammen mit Regisseur Clemens Bechtel Potsdamer – alte, neue und ganz neue – für eine Arbeit zum Thema „Gehen und Bleiben“. Das Theater scheint sich gerade ausgerechnet in dem wiederzufinden, was es endlich ablegen wollte. Im Improvisieren-Müssen. //

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