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Die Geburt des Theaters aus Dreck und Schlamm

Das Haupthaus eine Baustelle, Fertigstellung ungewiss: Wilfried Schulz muss zu Beginn seiner Intendanz am Düsseldorfer Schauspielhaus improvisieren – und erobert sich so die Stadt

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Andererseits hat es ja auch einen gewissen Charme, sich für etwas zu entschuldigen, obwohl man gar keine Schuld trägt. So wie bei Svea, die in Wahrheit die Hermia deshalb nicht spielen darf, weil sie mit ihren 14 Jahren „zu klein“ ist und für die neu etablierte Bürgerbühne überhaupt nur für die Rolle des Puck gecastet wurde, den sie auf keinen Fall spielen wollte und dann doch hinreißend spielt. Der „Sommernachtstraum“ mit 14 Heranwachsenden (Text und Regie Joanna Praml) ist ein berauschender Theaterabend geworden, voller Verwirrungen und Turbulenzen, bei denen man sich oft fragt, ob sie mehr mit Shakespeare zu tun haben oder mit den offenen Geheimnissen der 14- bis 23-Jährigen, die hier eine so greifbare Spiellust verbreiten. Wenn Bürgerbühne, dann bitte immer so!

Der König und seine Stadt

Die formelle Ansage, die Öffnung der Guckkastensituation, der Einbruch der Realität ist derweil zu einem Topos dieses Eröffnungsreigens geworden. Am Beginn des „Revisors“ von Nikolai Gogol muss der Intendant zunächst erklären, dass der Hauptdarsteller unfallbedingt ersetzt wurde. Am Schluss von „Gilgamesh“ öffnet sich das Zelt – fast möchte man sagen: Stadt und Theater geben sich feierlich einen Kuss. Christian Erdmann, der Darsteller des Gilgamesh, flüchtet in die Spätsommernacht, man hört, wie er die wenigen überraschten Flaneure dort draußen anspricht: Der halbnackte König besichtigt seine Stadt Uruk in Mesopotamien (dem heutigen Irak), wie Düsseldorf eine Metropole des Handels und des Geldes. Circa 5000 Jahre später wird die Firma Louis Vuitton gegründet, man kann das Label draußen blinken sehen.

„Gilgamesh“ in der Übersetzung von Raoul Schrott erzählt einen Gründungsmythos, aber das ist gar nicht der entscheidende Aspekt. Wenn das Alte Testament mit Adam und Eva beginnt, heißt das Paar hier Gilgamesh und Enkidu. Der eine teils Gott, teils Mensch, der andere ein Tiermensch, dem der einsame König eine Hure schickt, um ihn auf diese Weise gewissermaßen einzugemeinden und sich zum Freund zu machen. Es ist auch die Geschichte zweier Jungs, die Abenteuer suchen. Der Regisseur Roger Vontobel, seinerseits so etwas wie ein ewiger Jüngling, hat es auf einen Entwicklungsroman abgesehen; anfangs erscheint Gilgamesh als schnöseliges Alphatier, pausenlos Zigaretten rauchend, am Schluss hat er sich gemeinsam mit Enkidu durch Schlamm und Wasser gekämpft, hat Feinde besiegt und ist wohl, wie man so sagt, erwachsen geworden. Ob dies als erzählerisches Konstrukt, als Idee so recht befriedigt, sei dahingestellt, aber vielleicht kommt es darauf bei einer Eröffnungssoiree nicht primär an – vielmehr auf den Elan, das fühlbare Temperament und eine gewisse menschliche Note.

Der Intendant preist Vontobels Einstand als „solitär“, das sei „eigen und unvergleichbar in der Ästhetik und im Angang“. Er weiß natürlich, dass nicht jeder (Kritiker) das so sieht, gerade deshalb geht Schulz in die Offensive. Man müsse im Theater auch lernen, „Differenzen zu ertragen“.

Im Central geht es mit Shakespeare, Gogol und dem Nachwuchsautor Leif Randt „literarisch“ zu. Gogols „Der Revisor“ in der Regie des Schweden Linus Tunström ist keine künstlerische Offenbarung, aber doch handfestes Amüsiertheater. Die Schwierigkeit bei diesem Stück liegt ja darin, Figuren mit extrem dürftiger Innenausstattung – ihre größte seelische Leistung besteht darin, ihren Geiz zu überwinden, um bestechen zu können – gleichwohl lebendig erscheinen zu lassen. Das gelingt durch groteske Übertreibung, die freilich in ihren Details auch ein wenig vorhersehbar ist. Christian Friedel, kurzfristig eingesprungen, stattet den Chlestakow mit einer satt-frivolen Chuzpe aus, Zwischentöne fehlen naturgemäß.

Hat diese russische Provinzposse etwas mit Düsseldorf zu tun? Nicht direkt. Ähnlichkeiten wären rein zufällig. Die Schauspielhaus-Malaise, die verschleppten Sanierungsmaßnahmen nimmt der Intendant inzwischen sportlich. Zurzeit werde zwischen der Stadt und ihm ein Masterplan ausgehandelt, der die notwendigen, auch noch nicht einkalkulierten baulichen Veränderungen bis 2018 betrifft. Nach jüngsten Recherchen bedarf allerdings auch die aus Stahlblechpaneelen bestehende Fassade einer Renovierung, die die Stadt Düsseldorf allein tragen müsste und die eine Wiedereröffnung des Hauses in weite Ferne (2020) rücken dürfte. Seine Aufgabe sei ja eine doppelte, sagt Schulz: Erstens das Theater nach Jahren der Krise wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit einer Metropole zu rücken, zweitens die baulichen Probleme zu lösen. Vielleicht kann man sagen, beides stehe in einer dialektischen Beziehung zueinander. Ohne ein repräsentatives Haupthaus ist es einerseits schwieriger, identitätsstiftend zu wirken, andererseits bergen die Zentrifugalkräfte womöglich auch die Chance, an ganz verschiedenen Punkten der Stadt sozusagen Lunten zu legen.

Irgendetwas dem Zufall zu überlassen, ist Wilfried Schulz’ Fall ganz und gar nicht. Seinen ersten Spielplan, berichtet er, habe er zweimal den sich verschärfenden Umständen angepasst. Der Name der größten Bühne am Rhein wurde handlich verkleinert („D’haus“ heißt sie jetzt nur noch, in Anlehnung an das geläufige „D’dorf“), alles andere vergrößert. Von „Gilgamesh“ zu „Medea“, vom „Käthchen“ zu „Kohlhaas“, von Houellebecq zu Herrndorf, vom „Sommernachtstraum“ über „Hamlet“ (als Wiederaufnahme aus Dresden) bis hin zum „Faust (to go)“ fehlen weder große Namen noch bedeutende Titel. Praktisch alles, was in Düsseldorf nicht bei drei die Tore verrammelt hat, wird bespielt: Zelt und Central, Schulen und Museen, das Dreischeibenhaus (eine Architekturikone der fünfziger Jahre direkt neben dem Schauspielhaus) und sogar, das ist ein spezieller Coup, das noch im Bau befindliche Theater selbst (von keinem Geringeren als Robert Wilson).

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