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Die Geburt des Theaters aus Dreck und Schlamm

Das Haupthaus eine Baustelle, Fertigstellung ungewiss: Wilfried Schulz muss zu Beginn seiner Intendanz am Düsseldorfer Schauspielhaus improvisieren – und erobert sich so die Stadt

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Ja, genau das sei Sinn der Sache, sagt Schulz: Theater nicht nur für eine bestimmte Schicht zu machen, sondern für alle zwischen vier und hundert Jahren. Und sozusagen ubiquitär. Dafür sei er auch bereit, „ab und an durch den Sumpf zu waten, wenn das Ufer, sprich die Perspektive sichtbar bleibt“.

Ab in den Orbit

Das Science-Fiction-Stück „Planet Magnon“ beruht auf einem Roman von Leif Randt, der selbst eine Bühnenfassung erstellt hat. Unmöglich, die Handlung in ein paar Zeilen nachvollziehbar darzustellen; es geht um ein Elite-Kollektiv, die Dolfins, die von ihrem Planeten Blossom aus interplanetarische Shuttlereisen unternehmen, um die Galaxie zu erforschen und womöglich Gleichgesinnte zu rekrutieren. So ungefähr. Was zunächst bizarr klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen aber als ein mit intelligenter Ironie gespickter Diskurs über – die Liebe. Marten und Emma (Niklas Maienschein und Hanna Werth spielen vorzüglich) mögen sich offenbar sehr, nur kommen sie vor lauter „postpragmatischer“ Keuschheit und sonstigem sonderbaren Ehrgeiz nicht dazu, sich ihre Liebe zu gestehen oder sich auch nur einmal zu berühren. Ist dies eine Utopie? Wohl eher eine subtile Horrorvision, eine spiegelverkehrte Nachahmung heutiger, irdischer Desiderate. Wirkt die Inszenierung von Alexander Eisenach am Anfang ein wenig statisch, entwickelt sie nach und nach doch einigen Spielwitz, und die bewegliche Videokamera, die live das Foyer des Central (inklusive Zufallsgästen) erforscht, macht deshalb viel her, weil die Schauspieler sie spektakulär und doch unprätentiös zu bedienen wissen. „Planet Magnon“ ist eher unverhofft das interessanteste Ereignis des Eröffnungsreigens geworden.

Und „In 80 Tagen um die Welt“? Das Stück, das auch der diesjährige Silvestererfolg werden soll, wird es zu Recht gefeiert? Ja. Die Inszenierung des Duos Peter Jordan und Leonhard Koppelmann platzt aus allen (unsichtbaren) Nähten vor Energie, vor Spielwitz, vor tollen und tolldreisten Einfällen. Jordan und Koppelmann halten sich nicht treu an die Vorlage, sondern jetten schamlos durch die Epochen; das Stück spielt im letzten Quartal 1872, faktisch aber im Überall und Nirgendwo eines aufgelösten Zeitbegriffs. Es schlägt einen schönen dramaturgischen Bogen zu „Gilgamesh“: dort die Geburt der Zivilisation aus Dreck und Schlamm, aus Gott und Tier, hier der Gipfelpunkt der technischen Moderne, der Homo faber auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Drei Stunden pure, naive Theaterlust. //

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