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Puccini beim G8-Gipfel in Genua

Beim Festival „In Schönheit sterben“ der Neuköllner Oper wird das Musiktheater auf dessen politische Relevanz hin befragt

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„Kopf ab! Kopf ab!“, rufen die Zuschauer im Chor, sie folgen als Volk den auf Pappschildern hochgehaltenen Anweisungen der Spieler. Das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen bearbeitet Giacomo Puccinis letzte Oper, „Turandot“. Die titelgebende Prinzessin lässt alle Brautwerber hinrichten, die ihre Rätsel nicht lösen können. Also: Kopf ab. Als nun aber der persische Prinz an der Reihe ist, weckt sein wunderschönes Aussehen doch Zweifel an der Notwendigkeit und vor allem Nützlichkeit der Enthauptung. „Gnade!“, schreit das Volk. „Gnade!“ Und der junge Beobachter Kalaf ist von unterschiedlichsten Empfindungen schwer verwirrt. „Turandot ist böse“, sagt er zuerst. Doch dann: „Turandot ist schön.“ Der Wechsel des Gemüts ist aber objektiv, Turandot ist beides: eine Einheit von Grausamkeit und Schönheit.

Foto Matthias Heyde
Foto Matthias Heyde

Das Schöne und die Gewalt im Musiktheater ist das Thema des Festivals „In Schönheit sterben“, das vom 20. bis 23. Oktober an der Neuköllner Oper in Berlin stattfand. Im Vorfeld hatten die Neuköllner Oper und Theater der Zeit eine Befragung zum Potenzial des gegenwärtigen Musiktheaters durchgeführt, deren Ergebnisse auf http://neukoellneroper.de/discussion/ einzusehen sind. So formulierte der Dramaturg Thomas Wieck im Hinblick auf diese Frage, dass „die Musiktheaterproduktionen einen verständlichen, sinnlich erfahrbaren Widerstand lustvoll musikalisch und szenisch produzieren (müssten), der die Zuschauer anregt, Lust auf Widerrede zu verspüren und Spaß daran zu gewinnen, dialektisch zu denken, und, so es die revolutionäre Muse der Oper will, praktisch-kritisch der Gegenwart entgegenzutreten“. Bei dem Festival wurde nun versucht, zur Theorie (der Umfrage) die Praxis (der Aufführungen) zu geben. Die Neuköllner Oper präsentierte alternatives Musiktheater aus Deutschland, Italien, der Ukraine und Ungarn, von der Operette bis zur Performance.

Hauen und Stechen mit seiner Puccini-Performance gehörte zu den Höhepunkten des Festivals. Das Kollektiv wurde 2012 von den an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ ausgebildeten Musiktheaterregisseurinnen Franziska Kronfoth und Julia Lwowski gegründet. Hauen und Stechen arbeitet in Berlin vor allem in den Sophiensaelen, wo es zurzeit ein größeres Projekt vorbereitet, hat aber auch des Öfteren schon in der Neuköllner Oper inszeniert, so „Elektra“ (2016) und „Macbeth“ (2015). Eine Mischung aus überbordender Fantasie, irren Kostümen und einer speziellen Weise der Inszenierung, die man wohl ironischen Ernst mit artifizieller Konsequenz nennen könnte, macht die Arbeit des Kollektivs aus.

Die Neuköllner Oper widmete sich mit ihrer eigens für das Festival hergestellten Produktion ebenfalls Puccini. Mit „Tosca G8“ in der Regie von Michael Höppner wurde die Oper mit den Polizeieinsätzen rund um den G8-Gipfel 2001 in Genua verbunden (Text und Idee Bernhard Glocksin). Bei Puccini geht es mit dem Polizeichef Scarpia in „Tosca“ um staatliche Willkür, der Polizeistaat vernichtet die Liebe zwischen der Sängerin Tosca und dem Maler Cavaradossi. Während auf der Bühne Szenen aus der Oper gesungen werden, sind im Hintergrund Bilder vom G8-Gipfel 2001 in Genua zu sehen. Die auf ein Schild geschriebene Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wird umgestaltet zu „Freizeit, Geilheit, Bürgerlichkeit“.

Es geht um Inszenierung und reale Gewalt. Genua wurde 2001 abgeriegelt, eine abgesperrte „rote Zone“ für das Treffen errichtet, die mit Zitronen- und Orangenbäumchen hübsch dekoriert wurde. Der damalige Ministerpräsident Italiens, Silvio Berlusconi, ließ im Vorfeld des Gipfels mitteilen, 200 Leichensäcke bestellt zu haben. Trotzdem kamen bis zu 300 000 Menschen, um gegen den Gipfel und die ihm zugrundeliegende Gesellschaft zu protestieren. Es gab Straßenschlachten, angezündete Autos, Polizeigewalt.

Am 20. Juli erschoss ein 20-jähriger Carabinieri den 23-jährigen Demonstranten Carlo Giuliani. Am Tag darauf stürmten Polizeieinheiten die von der Stadt zur Unterkunft für Demonstranten bereitgestellte Diaz-Schule und schlugen auf die sich dort befindenden, teilweise schlafenden Menschen ein; im letzten Jahr befand der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass die Vorfälle in der Diaz-Schule als Folter eingeschätzt werden müssen. Folter ist in Italien bis zum heutigen Tage allerdings nicht im Strafgesetzbuch als Straftatbestand aufgeführt. Der Aufführung einen besonderen Aspekt verleiht die Tatsache, dass der Cellist Daniel Albrecht 2001 in ebenjener Diaz-Schule war, ins Koma geprügelt und dafür zudem angeklagt wurde. Bei „Tosca G8“ erzählt er davon auf der Bühne. Da verstummt dann auch Puccini. //

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