Protagonisten

Und Marx macht die Bar

Unter dem neuen Intendanten Florian Lutz wird die Oper Halle zum Totaltheater

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Aus der Ferne betrachtet lässt sich freilich nur raten, ob ihm diese Erlebnisse hier nicht das eine oder andere Déjà-vu bescheren. „Ist das originell oder ist das Castorf?“, ruft auch ein Zuschauer beim anschließenden Zuschauergespräch quer durch den Raum. „Ja“, sagt Florian Lutz, „natürlich gab es auch bei Castorfs ,Idioten‘ eine ganze Theaterstadt.“ Aber in der Oper, im Musiktheater sei das bislang doch recht neu.

Tatsächlich ist das Programm, das Lutz mit seinen beiden Ko-Leitern Veit Güssow (stellvertretender Intendant) und Michael von zur Mühlen (Chefdramaturg) präsentiert, so etwas wie der Wawerzinek’sche Gegenentwurf zu einer Windstille, die nur Fäulnis, Zank und Streit generiert. Zur Eröffnung waren gleich alle Sparten der Bühnen Halle geladen, auch, wie Michael von zur Mühlen sagt, als kulturpolitisches Signal, dass man sich trotz Spardruck nicht auseinanderdividieren lasse. So spielt in der Raumbühne unter anderem das neue theater in der Regie von Henriette Hörnigk „Wut“ von Elfriede Jelinek, der Hallenser Schriftsteller Clemens Meyer trat mit der Performance „Ich werde eine Oper bauen“ an („Quo Vadis, quo Wagnis“), während im Operncafé in einer monatlichen Reihe unter der Leitung von Michael von zur Mühlen am „Kunstwerk der Zukunft“ gebastelt wird („Marx macht die Bar. … Und die Heiligen Drei Tenöre singen in den Masken von Goethe-Brecht, Schiller-Adorno und Lenz-Deleuze um die Wette“).

Auch das Operncafé wurde komplett umdekoriert. Statt einem Raum gibt es nun mehrere, die mit Neonleuchten, Eichentischen und einer Heimorgel den spröden Charme eines DGB-Heims verbreiten (Raumkonzept Christoph Ernst). Ein Wandgemälde zeigt Jörg Immendorffs Bild „Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?“, auf dem ein Mann in das Atelier eines Malers tritt und ihn auffordert, sich dem Kampf der Arbeiter anzuschließen, der auf der Straße tobt. Ein Verweis auf die Dialektik, unter der auch in Halle künftig produziert werden soll: außen und innen, Straße und Atelier, Politik und Kunst. Die Diskursreihe, die hier stattfindet, trägt den Titel „Agitation & Revolte“.

In der Beziehung ist der Kritikerkollege Schödel schon voll dabei. Nicht nur er trägt einen Helm, auch alle anderen, die nicht mehr den Sprung ins vermeintlich sichere Atrium der Raumbühne geschafft haben, wurden mit Leuchtwesten und Kopfschutz ausgestattet. Vom Männerchor, der die gleiche Kostümierung trägt, sind sie fortan nicht zu unterscheiden. Die Sentas unter den Zuschauern haben es da besser erwischt. Unter blonden Langhaar-Perücken hocken sie im Haus und schlürfen Cocktails, nur ab und an einen mitleidsvollen Blick auf diejenigen werfend, die es hinter den Maschendrahtzaun verschlagen hat – als Flüchtlinge.

Inhaltlich betrachtet geht Florian Lutz seinen „Holländer“ klassisch an. Er aktualisiert den Stoff, was in der Oper längst Standard ist. Der Fliegende Holländer (Heiko Trinsinger), dieser zur ewigen Seefahrt verdammte superreiche Geschäftsmann, ist bei ihm ein Gewinner der New Economy, lässig in Turnschuhen und T-Shirt auftretend, irgendwo zwischen Steve Jobs, Bill Gates und Mark Zuckerberg angesiedelt. Der Sturm der Gegenwart, der ihn an Land wirft, wird von wilden Videosequenzen untermalt: Varoufakis, Lagarde, Schäuble flackern über die Bildschirme, dann Arbeitslose, Obdachlose, Elend. Dieser Steve-Bill-Mark-Holländer ist, so die Erzählung, des Sturmes indes leid: „Wann dröhnt er, der Vernichtungsschlag, mit dem die Welt zusammenkracht?“ Er will Gutes tun, verschenkt iPhones an Geflüchtete, und steckt doch selbst verdächtig tief in der Sache drin.

Es ist die Geschichte der Philantrokapitalisten, die Florian Lutz und Veit Güssow (Dramaturgie) hier erzählen, selbsternannte Weltverbesserer der Internet-Industrie, die große Summen ihres Vermögens spenden. Das Perfide daran: Ihre Rettungsaktionen sind eng mit der Vermehrung des eigenen Profits verbunden. Facebook-Mitgründer Sean Parker beispielsweise entwickelte ein Spenden-Tool für wohltätige Organisationen – das natürlich nur über Facebook funktioniert. So tickern auch in Halle bei jedem verteilten iPhone die „Likes“ auf dem Werbeportal Holl@nder in die Höhe. Nach den Gründen der Krise wird nicht gefragt, denn die liegen ja möglicherweise bei einem selbst. Sowieso bricht das Chaos an ganz anderer Stelle aus. Der Arbeiterchor, gerade noch Hot Dog mampfend, wird zunehmend unruhig. Die kriegen iPhones und wir nicht? Schon tauchen Pegida-Sprüche auf den Bildschirmen auf. Erste Brotgeschosse fliegen über den Zaun, weitere folgen, Zuschauer und Schödel mittendrin.

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