Protagonisten

Und Marx macht die Bar

Unter dem neuen Intendanten Florian Lutz wird die Oper Halle zum Totaltheater

von

Ich wüte da herum, und keiner merkt‘s

Agitation und Revolte sind wandelbare Begriffe, sowohl im linken wie auch rechten Sprachgebrauch üblich. Der „Holländer“ theoretisiert darüber nicht nur, er verwickelt das Publikum darin. Auf der Raumbühne werden soziale Praxen simuliert, was in der Oper im Spannungsfeld von Masse und Individuum, Gefühl und Intellekt gut funktioniert. Wer lässt sich mitreißen? Vor allem: warum? Vielleicht, weil es auf der Bühne dann doch nur ein Spiel bleibt?

„Natürlich fragen wir uns immer wieder, ob die Einbindung des Publikums nicht einfach nur ein Event bedient“, sagt Michael von zur Mühlen. Ebenso müsse untersucht werden, ob der Einbruch der Realität in die Oper so funktioniere. Doch seien dies eben auch Ambivalenzen, die man zeigen könne, sodass eventuell etwas Drittes entsteht.

„Wut“ von Elfriede Jelinek ist ein solches Stück voll ausgespielter Gegensätze. Ein Monstrum an Text, wie all ihre Texte Monstren sind, hier von Henriette Hörnigk in viele kleine Szenen überführt, an denen die Zuschauer, diesmal auf der Drehbühne sitzend, vorbeigefahren werden. Man wird also bewegt, so wie dieser Text den Leser bewegt, ihn mal hierin, mal dorthin schleudert.

Jelinek schrieb dieses im Mai 2016 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführte Stück unter dem Eindruck der Terroranschläge in Paris. Es ist ein Schreiben, das versuchte, Terror und IS, Charlie Hebdo, Hyper Cacher und Bataclan, Götterfluch und Flüchtlingskrise, Ausnahmezustand und Rechtspopulismus zusammenzudenken – und zwangsläufig daran scheitert. „Ich wüte da herum, und keiner merkt’s. Aus den Lungen ringt sich mein glühender Atem empor, zu wem steigt er? Zur Zimmerdecke, weiter kommt er nicht.“

Elke Richter ist an diesem Abend Jelinek. Eine rotbezopfte Göttermutter im roten Paillettenkleid, die beständig von ihren eigenen Figuren drangsaliert wird: eine Männerbrut, darunter Zeus, Herakles, Schläger, Terroristen, Zeichner, sowie Frauen, Mütter, Kassiererinnen, Beate Zschäpe und immer wieder Tote, dahingestreckt mit verrenkten Gliedern, am Strand von Europa verendet oder auf den Treppenstufen eines Konzertsaals verreckt. Auf ihrer Homepage hat Jelinek dem Text ein Foto beigestellt: eine verwackelte Aufnahme aus dem Inneren des Bataclan. Henriette Hörnigk gibt mit dem Ensemble (neben Elke Richter sind das Sonja Isemer, Hagen Ritschel, Martin Reik, Alexander Pensel, Matthias Walter und Robin Krakowski) Jelineks wortreicher Sprachlosigkeit eine Sprache in Bildern. Die Szenen wechseln mit zunehmendem Tempo vom Götterhimmel in Redaktionsstuben, Supermärkte, Fernsehshows, Eigenheime, Flüchtlings-PKW, Schlauchbote, NSU-Camper, gelenkt und überwacht von der Autorin selbst. Kurz vor Ende dieses Abends sehen wir Elfriede Jelinek auf dem Balkon des ersten Ranges stehen, mit rotflammendem Haar, in den Händen drei lange Zügel, an denen unten auf der Bühne drei Schauspieler rucken und zerren. Jelinek mit Troikagespann, traurige Rachegöttin im Ringen mit ihren Figuren und also mit der Wucht der Gegenwart selbst. „Der Wind atmet, er haucht uns ungestüm an, und wir fallen.“ //

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