Thema

Die Gesellschaft auf der Bühne

Zum Chortheater der polnischen Regisseurin Marta Górnicka

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In der nachfolgenden Arbeit „Magnifikat“ (2011) lenkte sie die Textmontage noch konzentrierter auf die Darstellung der in der katholischen Kultur gespaltenen Weiblichkeit zwischen der Verklärung Marias und einem modernen Frauenbild – wiederum mit einem antiken Rückgriff, diesmal auf die Agaue aus den „Bakchen“ des Euripides als eine grausame Korrespondenz zur christlichen Maria. Mit „Requiemmaschine“ (2012) erweiterte sie die Besetzung des Chors durch Männer – und das Thema um die Erschöpfung des modernen Menschen in einer technisierten Welt. Wesentliche Quelle für das Libretto waren Texte des polnischen Dichters Władysław Broniewski (1897–1962), der in seinen Werken das Pathos der Romantik mit den Experimenten der Avantgarde und Bruchstücken der Alltagsprache kombinierte – was Górnicka von Anfang an in ihren Textmontagen getan hatte. Doch Broniewski, der in futuristischer Diktion schrieb: „Wir sind Roboter des Wortes“, gibt einen neuen Ton vor, der im chorischen Sprechen einen Ausdruck von Künstlichkeit gebietet. Für Górnicka, in der Weiterentwicklung ihres chorischen Theaters, war das die Möglichkeit zur stimmlichen Verfremdung. Die Choreografin Anna Godowska, seit „Hier spricht der Chor“ kongeniale Partnerin Górnickas, entwickelte daraus noch schroffere Formationen.

Die Parallelen zu den Arbeiten Schleefs, die zuvor schon von deutschen Kritikern festgestellt wurden, lagen nahe. Doch Górnicka waren die Chorkonzeptionen Schleefs, mit denen sie sich während des Studiums beschäftigt hatte, „musikalisch zu eindimensional“. Bei ihr geht es nicht um die szenische Tiefenstruktur von Stücken, die Schleef mit Chören neu interpretiert hatte, sondern in erster Linie um den Chor als soziales Gebilde. Es geht darum, die Konflikte innerhalb dieser Struktur anzusprechen und die in der Wirklichkeit gar nicht mehr wahrnehmbaren Kollektive in ihrer Zusammensetzung aus Einzelnen zu zeigen. Das entspricht nicht nur der polnischen Realität, entsteht aber aus ihr, mit spezifischen Inhalten, die zugleich allgemein sind. Ihre Chöre, in denen zuweilen auch Duette, Terzette sowie Soli erscheinen, kämpfen um die Entstehung einer Gemeinschaft – das ist der Realismus der Form eines chorischen Theaters.

Für „M(other) Courage“ (2015) arbeitete Górnicka erstmals an einem deutschen Stadttheater, dem Staatstheater Braunschweig, mit einem Chor aus sechs Schauspielern, Schauspielstudenten und gecasteten Laien, was hier natürlich eine Variante der inzwischen weit verbreiteten Bürgerbühne darstellt. Das Libretto bezog sich in einigen Motiven auf Bertolt Brechts Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ über die scheinbar unparteiische Verwicklung in den Krieg, nahm aber vor allem die einander widersprechenden Reden der sogenannten Flüchtlingsdebatte auf. Die Chorregisseurin war mit ihrer auf längeren Probenzeiten und Austausch mit den unterschiedlichen Akteuren beruhenden Methode, mit allen Mitteln ihres Theaters und dem von ihr montierten Text auf der Höhe der Zeit: Der auf einem schwarz spiegelnden Boden agierende Chor trat als theatral-musikalischer Sprechakt einer in sich kontroversen Gemeinschaft in Erscheinung. Diese kämpfte nicht um ihre Entstehung, sondern um ihren Erhalt. //

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