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Lob des Störfalls

Das Gegenwartstheater zwischen Aktionismus und Elfenbeinturm – die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann und die Regisseurin Laura Linnenbaum im Gespräch mit Gunnar Decker

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Ist das nicht auch ein Privileg?
Salzmann: Das ist der Wahnsinn! Ich kann uns allen nur wünschen, diese Begriffe zu öffnen. Etwas geht zu Ende heißt ja auch: Wir haben die Möglichkeit, etwas Neues zu machen. Ich weiß nicht, wer zurück möchte zum guten Alten, weil ich auch nicht weiß, was gut war am Alten.

Laura Linnenbaum, ist es eine besondere Form, die eigene Identität zwischen Vergangenheit und Zukunft so frei selbst zu definieren, wie es Sasha Marianna Salzmann unternimmt? Die andere Möglichkeit wäre ja nun, dass man sich mit der Geschichte, gerade der deutschen, beladen fühlt. Daraus resultiert ein Übergang, wie ihn Volker Braun mit „Die Übergangsgesellschaft“ für die DDR der achtziger Jahre gefordert hat. Die Revolution kann nicht als Diktatur ans Ziel kommen, hieß es damals. Wie kommt nun heute die Demokratie ans Ziel oder, anders gesagt, was muss sich verändern, damit sie nicht zerstört wird?
Laura Linnenbaum:
Ich will einmal bei dem Veränderungsgedanken anschließen. Meine Erfahrung ist, dass, je mehr man sich bewegt, desto mehr bekommt man zu spüren, wie viel Widerstandspotenzial vorhanden ist. Dennoch, die konservativen Strömungen weltweit engen diese Handlungsspielräume immer massiver ein. Dass dies auch ein zivilgesellschaftliches Problem ist, sehen wir beim NSU, der ja nur die Spitze des Eisbergs dessen ist, worum es geht, wenn wir über unsere Zukunft und die Festung Europa sprechen. Statt uns den dringenden sozialen Fragen zuzuwenden, die darunterliegen, lassen wir uns mit Scheindebatten auf einen Status quo fixieren, etwa das Phantom einer Islamisierung des Abendlandes. Aber die Frage lautet doch: Wovor haben wir wirklich Angst? Das finde ich auch am NSU-Komplex so spannend zu zeigen: Es geht nicht nur um die Täter, es geht auch um uns als schweigende Mehrheit. Da also muss man die Perspektive erweitern, sich selbst kritisch reflektieren und mit den Mitteln des Theaters Spielräume schaffen. Eine zweite Frage ist für mich daher, wie das Theater sich nicht nur inhaltlich, sondern auch als Institution verhalten kann und muss, zum Beispiel die eigenen Strukturen und Hierarchien hinterfragt.

Wenn man über Engagement oder auch Kritik redet, dann ist man immer mit dem Effekt konfrontiert, dass die Mediengesellschaft sich permanent dieser Begriffe bedient. Es wird ständig etwas enthüllt oder bloßgestellt – aber einen Veränderungseffekt besitzt dies meist nicht. Ich habe auch, und das hat sicher mit meiner DDR-Sozialisation zu tun, ein großes Problem mit einem politischen Theater, das in Agitprop-Folklore mündet, wo man Fahnen schwingt und sagt, wo die richtige Richtung ist. Unter einem derartigen moralischen oder ideologischen Druck sieht man seine Freiheit dann allzu leicht nur noch in der Destruktion. Geht es nicht für das Theater zuerst um einen anderen Standpunkt, von dem aus sich die selbstreferenziellen Mechanismen der kapitalistischen Gesellschaft anders ansehen lassen? Also zugespitzt gesagt, Theater als eine radikale Kunstform, die zur Antipolitik wird?
Linnenbaum:
Die Suche nach einem solchen Standpunkt ist essenziell. In meinen Arbeiten geht es dabei auch gerade um die Schwierigkeiten dieser Suche. In „Beate Uwe Uwe Selfie Klick“ versuchen wir ja nicht, Antworten aufzudrücken, sondern gerade durch die Masse an Informationen, bildhaften Querverweisen und das Dazwischenschalten von Puppen als Projektionsfiguren die Zuschauer auf sich selbst zurückzuwerfen. Das ist vielleicht das, was Sie eingangs als Blackbox bezeichnet haben. Bei „Homohalal“ verschiebt sich das vermeintliche Thema, um im Spiegel einer Groteske über assimilierte Flüchtlinge die Groteske unserer eigenen Gesellschaft vor Augen zu führen. Auch hier geben wir keine Antworten. Die extreme Ohnmacht unserer Gesellschaft, auch beim Versuch, die herrschenden Strukturen zu durchleuchten, ist für mich ein großes Thema. Das finde ich auch bei der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ von Brecht so interessant. Die startet ja als kleine Intellektuelle, genauso wie ich, in einem System, von dem sie glaubt, sie könnte es ändern. Und bindet sich an den Ersten, den sie trifft und von dem sie glaubt, er sei dazu imstande. Sie merkt bis zum Schluss nicht, dass sie den Hauptfehler begeht, ihn überhaupt zu fragen.

Was kann man tun inmitten von Desorientierung und Informationsflut?
Linnenbaum:
Das Theater hat da natürlich ganz andere Spielmöglichkeiten, es lädt ein, sinnlich zu erleben, und entsteht im Austausch zwischen Schauspieler und Zuschauer. Hinter oberflächlichen Informationen tiefer liegende Strukturen zu erfahren, fängt schon beim spielerischen Aufzeigen und -brechen unserer alltäglichen Sprachmuster an. Außerdem befinden wir uns in einem Raum der verabredeten Fiktion und der (un-)denkbaren Möglichkeiten.

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