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Denn wir wissen nicht, was sie tun

Das Spielart-Festival in München war gespickt mit Diskursen der Selbstverortung und hatte vor allem in seinem Südafrika-Schwerpunkt ein Vermittlungsproblem

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Am Ende hat man als Festival-Dauergast einige solcher Puzzlestücke gesammelt. Und dennoch war Spielart 2017 ein durchwachsenes Festival, das einen in dem, worin es durchwachsen war, nachdenklich zurücklässt. Gemeint ist das Vermittlungsproblem, das sich um einige außereuropäische Arbeiten herum auftat – und oft auch ein Dramaturgie-Problem war. Weil sich der Ko-Spielart-Gründer Tilmann Broszat und seine neue Ko-Leiterin Sophie Becker auf ihrer beständigen Suche nach neuen Formen des freien Theaters diesmal besonders intensiv in Süd-(ost)asien und Südafrika umgeschaut haben, gab es davon eine Menge. Etliche dieser Produktionen tauchten wie die eben beschriebenen tief in die alternative Geschichtsschreibung oder in individuelle Biografien ab und blieben dabei im trockenen Diskurs stecken oder schwangen sich zu dampfender Körperlichkeit auf. Viele brachen vor einem möglichen Höhepunkt ab. Chuma Sopotela aus Kapstadt etwa beendet ihr witziges Gespräch über Sex mit dem Palästinenser Ahmed Tobasi („Let’s Talk about Sex: The Beginning of War“) mit einer Runde Sekt für das Publikum – nicht ohne zuvor den Einwurf einer Zuschauerin, sie sexualisiere ihren Körper zu sehr, mit ihrer unnachahmlich dreckigen Lache quittiert zu haben. Sicher war man sich nicht, ob sich dabei in ihrem Gesicht der Triumph über die angekommene Botschaft zeigte oder leise Fassungslosigkeit über die Prüderie dieser Europäer.

Sehr oft war in den Arbeiten aus Südafrika die Wut auf Weiße, auf Männer, auf die neuen Reichen und die uneingelösten Versprechen der Postapartheid spürbar. Zuweilen schien aber das Anliegen größer zu sein als der Wille, es zu vermitteln. Weshalb man als Besucher ohne anschließendes Künstlergespräch allzu oft außen vor blieb. Verständnislos, manchmal als Voyeur.

„This is Europe. They don’t know what to do!“, rief Nora Chipaumire, New Yorkerin aus Simbabwe, nach einem ins Leere gelaufenen Zuschaueranimationsversuch in „Portrait of Myself as My Father“ ihren beiden männlichen Mitspielern zu. In dem Stück reproduzieren alle drei auf Teufel komm raus Klischees vom schwarzen Mann: knurrende, zähnefletschende, schaumspuckende Mensch-Tiere, schweißglänzend, oversexed und ungeheuer raumeinnehmend. Aber das Wieso und Weshalb blieben in dem ohrenbetäubenden Radau aus elektronischer Musik und allerlei gebrüllten „Nigger“-Komposita komplett unverständlich. Man ahnt zwar, dass es bei dieser Fließbandproduktion rassistischer und sexistischer Stereotypen um das geht, was der weiße Blick aus dem männlichen schwarzen Körper gemacht hat. Man spürt, dass diese dramaturgisch auf der Stelle tretenden, episodischen Performances ein anderes Zuschauerverhalten einfordert als stummes Herumsitzen und schämt sich ein wenig, dass man nicht besser adaptieren kann, tröstet sich dann jedoch mit der Aussage von Neo Muyanga, der über die Entschlüsselbarkeit seines großartigen musikalischen Vexierspiels aus schwarzen Protestsongs, Jazz, Oper und Madrigalchören („Tsohle – A Revolting Mass“) sagte, diese erste Begegnung sei erst der Anfang. Um einander näherzukommen, müsse man mehr Zeit miteinander verbringen. Da hat er vermutlich recht. //

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