Kommentar

Burn, Berlin, Burn!

Über das Ende der Intendanz von Chris Dercon an der Volksbühne Berlin

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Der geplante Funktionswechsel der Volksbühne gehört zu einer Veränderung Berlins, die gerade im vollen Gange ist. „Raum ist die Ware überhaupt“, schrieb Mark Fisher. Berlin wird auf eine bestimmte Nutzung ausgerichtet. Das ist zum einen der Tourismus – die „elfte Plage“, wie es Peter Laudenbach in seinem gleichnamigen Buch nennt – und zum anderen die Immobilienspekulation. Beides zusammengenommen bedeutet den Ausverkauf der Stadt, die völlige Inwertsetzung des städtischen Lebens zu Profitzwecken. In dessen Folge schuftet ein großer Teil der Bevölkerung im Maschinenraum, während man auf dem Oberdeck nach seichter Unterhaltung giert – und die Leichtmatrosen Müller und Renner und ihre Partei wollen eindeutig auf dem Oberdeck mitspielen, während die Überflüssigen schon über Bord geschmissen werden. Die Besetzung der Volksbühne war der Versuch, diesen Zusammenhang zwischen dem Ausverkauf der Stadt und dem Funktionswechsel öffentlicher Institutionen aufzuzeigen. Die Zerstörung des städtischen Lebens ist die Konsequenz der Nutzung der Stadt als Mittel zur Kapitalvermehrung. Der Kompromiss, dass verschiedenste Klassen im urbanen Raum leben können, ist aufgekündigt, Verdrängung ist das Programm. Die Folge sind Städte, „die von unten brennen und oben schon gefrieren“ (Brecht). Dercon gehörte zu den Coolen, jetzt braucht es wieder jemanden, der brennt, der kompromisslose Kunst macht. Das entscheidet zwar nicht den Kampf um die Stadt, der längst schon tobt, dürfte aber Signalwirkung haben. Über London schrieb Fisher, es sei „eine besiegte Stadt; sie gehört dem Feind.“ Zur Frage steht letztlich, ob es Berlin genauso widerfahren wird. Dercons Abgang bietet die Möglichkeit, eine andere Richtung einzuschlagen als die von Müller und Renner diktierte. Und einen Systemwechsel ganz anderer Art in Angriff zu nehmen. //

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