Kommentar

Burn, Berlin, Burn!

Über das Ende der Intendanz von Chris Dercon an der Volksbühne Berlin

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Volksbühne, Berlin. Foto: David Baltzer
Volksbühne, Berlin. Foto: David Baltzer

Chris Dercon hat aufgegeben. Eine gute Entscheidung? Eine notwendige. Hier wurde etwas beendet, das nie hätte beginnen dürfen. Nicht jeder kann Theater machen oder eines leiten, das ist nun schlüssig bewiesen. Nach kürzester Zeit steht ein Haus, das mit einer großen Bühne, eigenen Gewerken und einer spezifischen Geschichte beste Voraussetzungen bietet, vor dem Ruin: finanziell, ästhetisch ohnehin. In dem Vorgang, den man nicht anders als Angriff mit Zerstörungsabsicht auf die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nennen kann, nahm Dercon die Rolle des überforderten, aber störrischen Naiven ein, auf höfliche Weise ignorant. Hätte er nicht besser wissen können, woran er sich beteiligt? Die Planer und Verantwortlichen dieses Vorhabens sind Tim Renner und Michael Müller, beide SPD, die sich zu dem Fall bis heute weitgehend in Schweigen hüllen. 2015 sagte Müller noch, er sei überzeugt, „dass Chris Dercon die Erfolgsgeschichte der Volksbühne auch als Ensemble- und Repertoiretheater fortschreiben wird.“ Marietta Piekenbrock, Dercons Programmdirektorin, hat in einer Diskussion in der Berliner Akademie der Künste das Ensemble als „etwas Atmosphärisches“ beschrieben – und nebenbei eingestanden, dass die Fortführung der Volksbühne als Ensemble- und Repertoiretheater bei den damaligen Verhandlungen kein Gegenstand und dementsprechend auch nie die Absicht der Leitung der Volksbühne war. Ulrich Khuon bezeichnete das daraufhin als einen verschleierten Systemwechsel.

Verschleierter Systemwechsel bringt es auf den Punkt. Denn wesentlich für die zurückliegenden Geschehnisse war die Täuschung der Öffentlichkeit – und zwar über die Art und Weise der Fortführung eines Theaters in öffentlicher Hand. Müller und Renner haben ihren Plan, die Volksbühne zum Zugpferd einer Aufwertung der Stadt in der internationalen Standortkonkurrenz zu machen und dafür völlig zu entkernen, verschleiert. Dercon und Piekenbrock haben diese Täuschung mitgetragen, indem sie die Begriffe Ensemble und Repertoire durch hanebüchene Neuinterpretationen bis zur Unkenntlichkeit entstellt haben. In unnachahmlicher Arroganz haben sie dann jeden begründeten Protest als provinziell und feindselig gegenüber Fortschritt und Innovation bezeichnet, die sie begründungslos für sich reklamierten – ein Paradebeispiel dessen, was Bernd Stegemann „liberalen Populismus“ nennt. Politische Vorgänge werden ihres Inhalts beraubt, es zirkulieren nur noch bloße Wortmarken. In München probiert derzeit Dorfrichter Lilienthal in seinem Scherbenhaufen namens Kammerspiele auf ähnliche Weise, sein Scheitern als Verschwörung der Feinde des Fortschritts auszugeben. Dieses Spiel mit Sprache und Täuschung, der Differenz zwischen gesellschaftlichem Sein, sozialer Rolle und öffentlicher Rede beweist nebenher die Dringlichkeit und Notwendigkeit von Sprechtheater heute – also dem Theater als Ort der Reflexion von Sprache und ihres Wahrheitsbezugs.

Der geplante Funktionswechsel der Volksbühne gehört zu einer Veränderung Berlins, die gerade im vollen Gange ist. „Raum ist die Ware überhaupt“, schrieb Mark Fisher. Berlin wird auf eine bestimmte Nutzung ausgerichtet. Das ist zum einen der Tourismus – die „elfte Plage“, wie es Peter Laudenbach in seinem gleichnamigen Buch nennt – und zum anderen die Immobilienspekulation. Beides zusammengenommen bedeutet den Ausverkauf der Stadt, die völlige Inwertsetzung des städtischen Lebens zu Profitzwecken. In dessen Folge schuftet ein großer Teil der Bevölkerung im Maschinenraum, während man auf dem Oberdeck nach seichter Unterhaltung giert – und die Leichtmatrosen Müller und Renner und ihre Partei wollen eindeutig auf dem Oberdeck mitspielen, während die Überflüssigen schon über Bord geschmissen werden. Die Besetzung der Volksbühne war der Versuch, diesen Zusammenhang zwischen dem Ausverkauf der Stadt und dem Funktionswechsel öffentlicher Institutionen aufzuzeigen. Die Zerstörung des städtischen Lebens ist die Konsequenz der Nutzung der Stadt als Mittel zur Kapitalvermehrung. Der Kompromiss, dass verschiedenste Klassen im urbanen Raum leben können, ist aufgekündigt, Verdrängung ist das Programm. Die Folge sind Städte, „die von unten brennen und oben schon gefrieren“ (Brecht). Dercon gehörte zu den Coolen, jetzt braucht es wieder jemanden, der brennt, der kompromisslose Kunst macht. Das entscheidet zwar nicht den Kampf um die Stadt, der längst schon tobt, dürfte aber Signalwirkung haben. Über London schrieb Fisher, es sei „eine besiegte Stadt; sie gehört dem Feind.“ Zur Frage steht letztlich, ob es Berlin genauso widerfahren wird. Dercons Abgang bietet die Möglichkeit, eine andere Richtung einzuschlagen als die von Müller und Renner diktierte. Und einen Systemwechsel ganz anderer Art in Angriff zu nehmen. //

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