Look Out

Jenseits von Plüsch und Pomp

Das Berliner Musiktheaterkollektiv glanz&krawall erkundet den Grenzbereich zwischen E- und U-Kultur

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Zu den frühsten Arbeiten zählt das Madrigal „L’Amfiparnaso“ nach Orazio Vecchi im Kreuzberger Club Prince Charles, wo sich auch Menschen ohne Abendgarderobe vom Sound einer Gambe verführen lassen konnten. In den Fluren einer Nervenklinik der Charité in Berlin-Mitte entfaltete Claudio Monteverdis Einsamkeits-Oper „L’Orfeo“ einen bestürmend-traurigen Hallraum, der jederzeit von den Patienten geentert werden konnte. „Wenn Musik nicht auf den Sockel gehoben wird, erzählt sie auch wieder etwas“, findet Depta. Und mit der Produktion „Inferno“ tauchten sie in die Gedankenwelt des Anarchisten Dante ein, der seine Höllendichtung mit realen Widersachern seiner Epoche bevölkerte. Den kleinen Wasserspeicher im Prenzlauer Berg verwandelte Scharnitzky dafür in einen Hades aus vereinzelten, wirkmächtigen Lichtinstallationen. „Ein Raum mit so einer Aussagekraft leitet auch einen kreativen Prozess“, erklärt die Bühnenbildnerin, „dem kann man nicht eine Idee überstülpen.“ Was bei glanz&krawall ohnehin nicht vorkommt. Das Dreierteam nebst assoziiertem Kreativ-Pool sucht eben nicht wie andere freie Gruppen Event-Locations. Sondern sprechende Orte, die den Dialog ermöglichen und gerne Widerstand leisten dürfen.

Aber auch in den geschützten Wänden des Theaters, ihrem zweitliebsten Betätigungsfeld, funktioniert das Vorhaben, „musikalisch Freiräume zu erkunden, statt mit falscher Angst eine Partitur zu beschützen“, so Sterra. Davon zeugt zum Beispiel eine Inszenierung von „Carmen“ im Theaterdiscounter, die mit Kinderinstrumenten zu Georges Bizets Ursprüngen zurückfand. Jenseits von sexistischen und folkloristischen Zuschreibungen. Werktreue ganz im Zeichen der Gegenwart – auch das geht bei glanz&krawall. Ihre nächste Produktion wird in einer Bar stattfinden und „Dorfkneipe International“ heißen. Darin spüren sie diesem „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“-Gefühl nach, das jeder Berliner Nostalgiker kennt. Nur eben ohne selbst in die Sehnsuchtsfalle zu tappen. //

„Dorfkneipe International“ von glanz&krawall feiert am 21. September Premiere in der Z-Bar in Berlin.

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