- Anzeige -

Magazin

Zeit der Tintenfische

Philippe Parreno entwirft in seiner Ausstellung im Berliner Gropius Bau eine posthumane Zukunft

von

Der Rundgang begann im Lichthof. Geblendet von einer heißen Sonne, betraten die Besucher*innen den mit schwarzem Velours ausgelegten Eingangsraum. Im Zentrum befand sich ein Wasserbassin, von Parreno als „Sonic Water Lilies“ betitelt, auf dem sich kräuselnde Wellen zu sehen waren. An eine Landschaft sollte man sich erinnern und auf einem drehenden Rondell verweilen. Man nahm hier aus dem Dunkeln wahr, wie der Künstler bei der Raumkomposition vorgegangen war. Ähnlich seinen Großinstallationen in London oder Paris entwarf er eine Art fließende Choreografie durch die Ausstellungsräume. Es sollte nichts aus dem Blick geraten, absolut kein Element geben, das sich nicht mit der vorgegebenen Architektur verband oder nicht einen deutlichen Bezug zu seinem Lebenswerk herstellte.

Thomas Oberender, der die Schau als Teil des mehrjährigen Immersionsprojekts der Berliner Festspiele kuratierte, hat die invasiven Räume Parrenos als scripted spaces oder auch als „Pararäume“ beschrieben. Auch im Gropius Bau wanderte unsere Wahrnehmung zwischen vorgegebenen Wänden und den wie beiläufig angelegten räumlichen Interventionen hin und her. Es schien, als würden wir von einer unsichtbaren Kraft durch die Ausstellung gelenkt und in ihren Bann gezogen. Wie von Geisterhand flogen die Glühwürmchen auf dem Screen in der Halle vorbei, öffneten sich die Rollläden an den Fenstern. Und am Konzertflügel bewegten sich die Tasten von allein. Es schien, als folgte einem der Klang durch die Ausstellung, bis es nichts mehr zu hören und zu sehen gab.

In Bewegung gesetzt wurde alles durch die Algorithmen eines Bioreaktors, den der Künstler schon mehrfach zum Einsatz gebracht hatte und den er nun zentral vor aller Augen in der Ausstellung platzierte. Auf der Grundlage von Hefekulturen steuerte dieses maschinelle „Superhirn“ die einzelnen Abläufe der Ausstellungschoreografie per Zufallsprinzip. Wer sich darauf einließ, für den entstand eine fiktionale Raumerzählung. Einmal in Gang gesetzt, lebten die Mikroorganismen des Reaktors in andauernder Wechselwirkung miteinander und hielten den Geisterbahnzyklus der Schau am Leben.

Parrenos „Paratheater“, wie es Thomas Oberender auch nannte, deutet eine posthumane Zukunft an, die uns nach Meinung des Künstlers bald erwarten wird. Ein dystopisches Weltbild verbreitet sich hier, ästhetisch allerdings anzuschauen wie die fliegenden Fische in der Ausstellung. Es ist die Zeit der Tintenfische, die keine menschengemachte Welt von außen brauchen, weil sie ihre eigene haben. //

Das Immersionsprogramm der Berliner Festspiele geht am 26. September mit der Reihe „The New Infinity. Neue Kunst für Planetarien“ weiter.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Die Unbestechlichen

Lars-Ole Walburg hat während seiner Intendanz am Schauspiel Hannover bewiesen, wie man eine Stadt gewinnt, ohne sich künstlerisch zu verbiegen. Ein Rückblick

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann