Neustarts

Utopien im Abendlicht

Bettina Jahnke, die neue Intendantin des Hans Otto Theaters Potsdam, stellt sich lustvoll dem ambivalenten Erbe der Stadt

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Diese Inszenierung lebt von kraftvollen Bildern. Alexander (überzeugend in seiner unbehausten Widerständigkeit: Henning Strübbe) sitzt, nein kauert allein in einem schäbigen Hotelzimmer in Mexiko. Er hat Krebs und fürchtet, bald zu sterben. Dennoch ist er in das Land gefahren, wo die Großeltern im Exil waren, das Land jener Legenden, die Großmutter Charlotte erzählte, das Land, das ihn nicht heilen wird, weil er hier ebenso wenig hingehört wie nach Deutschland Ost oder West. Diese Heimatlosigkeit, die eine auf den zweiten Blick ist, wird für Jahnke zu einem Zentralmotiv ihrer Inszenierung über einen Generationenkampf im Schatten der Geschichte. Die Bühne von Juan León: eine Erinnerung an das vergangene Industriezeitalter, gestellartig-schrottig auf der Rückseite, die die Drehbühne zeigt, wenn die Wohnzimmerfassade der Repräsentanten des Staates niemand mehr erträgt. Am interessantesten in der Familie ist zweifellos Kurt Umnitzer (eindrucksvoll das Paradox der stillen Verweigerung in der Anpassung verkörpernd: René Schwittay). Das Vorbild für ihn war Eugen Ruges Vater Wolfgang Ruge. Ein Historiker, der nach der Wende das wichtige Buch „Lenin. Vorgänger Stalins“ schrieb (erschienen bei Matthes & Seitz), der die Erfahrung der Lagerhaft in Sibirien mit sich trug, ohne Illusionen die Geschichte der kommunistischen Bewegung samt ihren Verbrechen erforschte – und dennoch die Loyalität dem SED-Staat gegenüber nie ganz aufkündigte.

Da sind wir wieder bei dieser Mittelgeneration der DDR-Intellektuellen, die ihre eigenen starrsinnigen Väter verachtete, aber wiederum selbst ihre rebellischen Kinder nicht verstand. Das sind wir, die Generation der heute über Fünfzigjährigen. Über ihren Vater sagt Jahnke, er sei 1995 gestorben, „weil er keine Lebenskraft mehr hatte, gegen den Krebs zu kämpfen“.

Eine wichtige Facette im Suchen nach Haltungen ist für sie auch Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ (Regie Malte Kreutzfeldt) mit der Musik von Paul Dessau, live von einer Jazzband auf der Bühne gespielt. Die Parabel vom guten Menschen. Shen Te (Alina Wolff) muss sich, weil ihr Mitleid mit noch Ärmeren von diesen über alle Maßen ausgenutzt wird, einen Doppelgänger erfinden, der als ihr Vetter ebenso hart und böse ihre Interessen wahrnimmt, wie sie selbst barmherzig und gut ist. Erst kommt nun mal das Fressen, dann die Moral, so Brecht an anderer Stelle. Gute Menschen in einer schlechten Welt sind laut Brecht zum Untergang verdammt. Leider verfehlt diese Inszenierung den kalt-phänomenologischen Blick auf die Figurenversuchsanordnung, wirkt zu gefühlsbeladen und am Ende sentimental.

Wer ihr sehr am Herzen liegt, sagt die Intendantin, sei Hans Otto, der Schauspieler, der zum Namensgeber des Theaters wurde. Ein Kommunist, der – anders als Gustaf Gründgens oder Heinrich George – seine Haltung zum Nationalsozialismus zeigte, was ihn das Leben kostete. Und dabei war er nicht nur ein begnadeter Schauspieler, sondern auch ein Lebemann – an ihn will das Theater jetzt wieder stärker erinnern, die erste Matinee ist schon geplant.

Bettina Jahnke blickt auf die Uhr – in zwei Minuten muss sie vor der Reithalle zur Eröffnung des Kindertheaters sprechen. Und wenn man jemanden nicht warten lassen sollte, dann sind es Kinder. Also läuft sie los, so leichtfüßig, wie es nur geübte Jogger vermögen, das geblümte Kleid weht im Wind. Ich gehe langsam hinterher – und als ich ankomme, höre ich sie die Sätze zu den Kindern sprechen: „Ihr seid die Erfinder des Spiels, wir Erwachsenen tun immer nur so.“ Aber mehr als Verstellung ist doch wohl in allem Spiel, das von der Sehnsucht nach Verwandlung lebt. //

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