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Sedimente aus dem Sound der Stadt

Das BAM! – Berliner Festival für aktuelles Musiktheater zeigt zum ersten Mal einen Überblick über die florierende freie Szene jenseits der großen Opernhäuser

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Das Ziel, Vielfalt abzubilden und sichtbar zu machen, löst das BAM! definitiv ein. Divers sind freilich auch die künstlerischen Ergebnisse. Das beweist etwa die an den Sophiensaelen angedockte Gruppe Hauen und Stechen, die anlässlich des Festivals den dritten Teil einer überbordenden „Fidelio“-Dekonstruktion zeigt. Das Projekt, frei nach den Deutschlandfarben in „Schwarz“, „Rotz“, „Gold“ gegliedert und auf vier Folgen angelegt, entdeckt in Beethovens (einziger) Revoluzzer-Oper dem Untertitel gemäß einen „deutschen Albtraum“. Und setzt die Geschichte um den gefangenen Freiheitskämpfer Florestan und seine undercover weiterkämpfende Gattin in ein vernebeltes Setting mit Videoscreen und nazimäßigem Banner (auf dem die von Beethovens Librettisten beschworene „Häuslichkeit“ mit SS-Runen geschrieben wird).

In der Regie von Franziska Kronfoth und Julia Lwowski entfaltet sich „Gold“ als ziemlich konfuses Musikspiel. Wobei man allerdings dem Hauen-und-Stechen-Team eine mitreißende Energie – und szenische Fantasie – nicht absprechen kann.

Ambivalent hinterlässt einen auch das Projekt „Dorfkneipe International“ des Kollektivs glanz&krawall, das in der Z-Bar in Mitte stattfindet und mit einer nostalgischen Verklärung spielt, vor der gerade in Berlin auch eine junge Generation nicht gefeit ist. Ach, die wilden goldenen Neunziger, als der Schnaps noch in Strömen floss und alle Läden einen ungentrifizierten Coolnessfaktor besaßen! Das Kollektiv um Regisseurin Marielle Sterra zieht „Dorfkneipe International“ als Requiem für eine tote Kneipe auf. Inklusive Beerdigungsredner und „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“-Gesang. Schade nur, dass einem die ironische Distanz dabei ebenso wie der Wodka auf dem Tablett gereicht wird. Da unterscheidet sich die freie musikalische oft nicht von der freien performativen Szene: Die Projekte haben eine Tendenz, sich in hermetischer Selbstgenügsamkeit einzuigeln. Das gilt auch für die „Lonely Hearts Bus Tour“, deren inhaltliche Substanz keinen Einzelfahrschein füllen würde.

Ausgerechnet dort, wo die Musik vermeintlich eine nachgeordnete Rolle spielt, gelangt das BAM! allerdings zu überraschender Blüte. Großartig ist die Arbeit „Berlin Rosenthaler Platz“ von Kirsten Reese und David Wagner, die als Audiowalk rund um den titelgebenden Verkehrsknotenpunkt führt. Bis auf wenige gesangliche Intermezzi (von Sopranistin Sirje Viise und Countertenor Daniel Gloger auf einem Balkon über dem Café St. Oberholz) findet die Tour ihre Partitur in den Sedimenten aus Sound, die sich im Laufe der Geschichte abgelagert haben. Reese und Wagner entdecken sie als Gegenwartsecho neu, teils als Tondokumente aus Nazizeit und DDR-Diktatur, teils als eingesprochene Erzählung. Sie lauschen in die Hinterhöfe, lassen hundert Jahre alte Straßenschilder mit hebräischer Schrift aufleuchten und blicken durch die Fassaden von heute auf eine versunkene Stadt. Wie „aktuell“ das ist, spielt keine Rolle. Es ist auf jeden Fall Musiktheater am Puls der Zeit. //

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