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Gebärden einer Sprache der Liebe

Das inklusive Theaterprojekt Possible World in Berlin arbeitet seit zehn Jahren mit gehörlosen und hörenden Darstellern und entwickelt daraus eine eigenwillig unmittelbare Bühnensprache

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Der eine sagt, ich liebe dich. Die andere peitscht ihm ihren Blumenstrauß ins Gesicht. Die Liebe lässt sich nicht fangen und schon gar nicht erklären. Versuche, sie in Sprache zu kleiden, bleiben Fragment oder eben: Versuche. „Was ich über die Liebe denke?“, schreibt Roland Barthes in „Fragmente einer Sprache der Liebe“: „Kurzgesagt nichts. Ich möchte zwar wissen, was das ist, aber wenn ich darin befangen bin, nehme ich sie nur in ihrer Existenz, nicht in ihrer Essenz wahr … Deshalb mag ich jahrelang gut reden über die Liebe haben – ich darf doch nicht hoffen, ihren Begriff anders zu erfassen als ,beim Schwanz‘: anhand kurzer Blitzlichtaufnahmen, Formeln, Ausdrucksüberraschungen.“

Maximales Begehren, maximaler Hass – „Ein Sommernachtstraum“ von Possible World in der Regie von Michaela Caspar. Foto Anton von Heiseler
Maximales Begehren, maximaler Hass – „Ein Sommernachtstraum“ von Possible World in der Regie von Michaela Caspar. Foto Anton von Heiseler

Den Protagonisten in Michaela Caspars „Sommernachtstraum“ ist die herkömmliche Lautsprache eh nicht gegeben, sie können die Liebe nicht totquatschen wie Schauspieler in Film und Fernsehen. Sie bleibt bei ihnen, was sie ist: reine Existenz. Das Ensemble von Possible World besteht an diesem Abend aus sechs gehörlosen und zwei hörenden Darstellern sowie zwei Children of Deaf Adults (Codas). Zusammen mit Regisseurin Michaela Caspar haben sie am Ballhaus Ost in Berlin-Prenzlauer Berg einen „Sommernachtstraum“ entwickelt, der sich eigenwillig einer einfachen Lesart entzieht.

Es wird kaum laut gesprochen an diesem Abend. Stattdessen arbeitet sich die Inszenierung mittels Gebärdensprache, zeitgenössischem Tanz, Bharatanatyam, einem indischen Tanzstil, sowie dem Visual Vernacular, einer pantomimeartigen Kunstform, die aus der ­amerikanischen Gebärdensprache entwickelt wurde, durch die Verstrickungen des Stücks. Wer ist hier wer? Und wer liebt wen? Wer keine Gebärdensprache versteht, bleibt ratlos wie die Figuren selbst. Ein heilloses Chaos, das sich in den Choreografien von Gal Naor, Matan Zamir und Rajyashree Ramesh vorrangig in Handlungen Bahn bricht: Körper, die zärtlich abgeschleppt oder brutal über den Boden geschleift werden, Haut, die sich unter dem Ziehen, Zerren und Schlagen der Liebenden und Enttäuschten rötet. Maximales Begehren, maximaler Hass. Küsse, die zu Bissen werden. Eine penthesileahafte Hitze durchzieht den Raum.

Lediglich mit ein paar Fetzen Stoff umwickelt (Kostüme Gabriele Wischmann), sind die Performer auf Peter E.R. Sonntags kahler Bühne einander und den Blicken des Publikums ausgeliefert. Beige als Farbe des menschlichen Fleisches dominiert. Es herrscht nackte Unmittelbarkeit. Nur hin und wieder werden baumhohe Blitzlichtschirme auf die Bühne geschoben, als stehe man kurz vor einem Shooting. Die Intimität des Begehrens kippt ins Exhibitionistische.

Seit zehn Jahren arbeitet die Schauspielerin und Regisseurin Michaela Caspar an dieser sehr besonderen Art von Theater. Nachdem sie selbst bei einer Musiktheaterprobe einen Hörsturz erlitt, gründete sie 2008 mit gehörlosen und hörenden Spielern den Verein Possible World. Ihr erstes Stück, „Frühling Erwache!“ nach Frank Wedekind und Nuran David Calis, kam 2009 im Ballhaus Ost zur Premiere. Was damals als ­Schülerprojekt in Kooperation mit der Ernst-Adolf-Eschke-Schule für Gehörlose in Berlin begann, hat sich heute zu einer Bühnen­ästhetik entwickelt, die die Hegemonie einer einzigen, eben gesprochenen (oder geschriebenen) Sprache unterwandert. Sprachen gibt es so viele wie es Menschen gibt. Wobei die deutsche Gebärdensprache erst 2002 durch Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes anerkannt wurde.

Was euphemistisch klingt, kommt bei Caspar mit einer lebensnahen Härte und Unmittelbarkeit daher. Es herrscht die Rauheit und erotische Spannung wie auf einem Schulhof in Neukölln. Die Mittel, die sie für ihr Theater erfindet, sind dabei keine ­Krücken. Ihre Ästhetik entwickelt sie aus Notwendigkeiten heraus und kreiert dabei eine ganz eigene Form: Werden Szenen doch ­einmal übersetzt, beispielsweise gleichzeitig in Gebärden- und Lautsprache wiedergegeben, erscheinen Figuren gedoppelt auf der Bühne, was die Verwirrung verstärkt. Sprechen nichthörende Performer ein paar Zeilen, entsteht ein ungewöhnlich intonierter Singsang. Die Gebärden wiederum sind durch ihre Räumlichkeit absolut direkt und verfremdend zugleich. Weswegen es spannend wäre, so Caspar, Brechts episches Theater mit Gebärdensprache zu kombinieren. Zunächst aber stehen im April im Ballhaus Ost weitere Aufführungen des „Sommernachtstraums“ auf dem Programm – auch eine Art Lehrstück in Sachen Kommunikation.

In dem Film „US“ (2013) von Michaela Caspar ziehen gehörlose und hörende Jugendliche verschiedenster Herkunft über den Alexanderplatz in Berlin und interviewen Passanten, indem sie Fragen und Antworten auf Pappschilder notieren. „Hast du Angst vor mir?“, fragt ein Mädchen. – „Ein bisschen“, schreibt die Passantin. – „Warum?“ – „Weil du mich nicht verstehst!“, ruft die Frau fast aggressiv, dabei völlig ignorierend, dass das Mädchen sie akustisch tatsächlich nicht versteht. Mit der Kommunikation verhält es sich eben wie mit der Liebe: Den anderen bekommt man in der Regel eben nur „beim Schwanz“ zu packen. Der Rest sind Blitzlichtaufnahmen, Formeln, Ausdrucksüberraschungen, Missverständnisse. Das zeigt der „Sommernachtstraum“ von Possible World ganz unmittelbar. //

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