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Kulturkampf oder alles nur Theater?

Wie die AfD mit ihrer Kulturpolitik die Theater attackiert – und glänzendem Protest begegnet

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2017 hat die Berliner AfD im Ausschuss für Kulturelle Angelegenheiten gleich für drei Theater Kürzungen beantragt. Dem Maxim Gorki Theater wie dem Deutschen Theater wurde vorgeworfen, „Gesinnungstheater“ zu machen und eine einseitige politische Agenda zu verfolgen. Der AfD-Abgeordnete Hans-Joachim Berg warf DT-Intendant Ulrich Khuon vor, Propagandatheater wie in einer Diktatur zu veranstalten. Khuon hatte in seiner Funk­tion als Präsident des Deutschen Bühnenvereins geäußert, Aktivitäten gegen Rechtspopulismus und rechtsnationale Parteien zu stärken. Dafür sollte sein Theater nun geschädigt werden. Dem Gorki, an dem viele Ensemblemitglieder einen Migrationshintergrund haben und Flüchtlinge in einem Exil Ensemble spielen, warf man vor, seiner Aufgabe, breite Teile der Bevölkerung zu erreichen, angeblich nicht gerecht zu werden. Und damit auch jedem klar wurde, dass hier mit großer Perfidie reine Symbolpolitik betrieben wurde, forderte man für den Friedrichstadt-Palast, dessen Intendant Berndt Schmidt sich zuvor gegen die AfD ausgesprochen hatte, eine Kürzung um genau 12,6 Prozent – entsprechend dem Wahlergebnis, mit dem die AfD ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt worden war. Die Anträge wurden abgelehnt.

Es sind diese inszenierten, weil von vornherein bloß ­rhetorischen, politisch nicht durchsetzbaren Angriffe, die einen dazu verführen, das Ganze nur als politisches Schmieren­theater abzutun, dessen Inszenierung auf die bloße Herstellung medialer Öffentlichkeit abzielt. Aber die Strategie der AfD im Sinne ihres Selbstverständnisses als „Bewegung“ ist eine auf lange Zeiträume hin gedachte, und sie spielt mit ihrer ­janusköpfigen Erscheinung – nationalkonservativ plus rechtsradikal – ein Vexierspiel. Zunächst einmal, um sich den einzelnen Wählergruppen immer mit dem passenden Gesicht zu zeigen, aber auch, um die Ausrichtung ihrer Kulturpolitik zu verschleiern.

Auch wenn Marc Jongen, der Kulturpolitische Sprecher der AfD im Bundestag, eine rechte Hegemonie als kulturpolitische Zielvorgabe verneint und die von ihm angekündigte „Entsiffung“ eines angeblich linken Kulturbetriebs nur noch als Entideologisierung desselben verstanden wissen will (siehe Gespräch S. 13), dem Theater wirft er nichtsdestotrotz vor, sich auf eine „antifaschistische Erziehungsanstalt“ zu reduzieren. „Man führt auf deutschen Theaterbühnen einen paranoiden Kampf gegen rechts ...“, so Jongen in einer Bundestagsrede im Mai 2018. Und man mache Konservativen „Schauprozesse“. ­Diese für die AfD typische Täter-Opfer-Umkehr funktioniert ­allerdings nicht, wenn Jongen die Rechtsextremen in der eigenen Partei unter den konservativen Teppich kehrt, auch nicht, wenn er sich gerade einmal vier Monate zuvor selbst noch im Angriffsmodus gefiel, sich als „Abteilung Attacke“ bezeichnete, die keiner „hemmenden Neutralitätspflicht unterworfen“ sei. Neutralität wird seitens der AfD nun aber ständig von den Theatern eingefordert, da sie doch mit öffentlichen Mitteln finanziert würden. Ein Irrtum. Die AfD will vor allem politisch Anders­denkende neutralisieren. Wenn sie das Grundgesetz weiterhin anerkennen will, wird sie wohl im Sinne der Kunst- und Meinungsfreiheit eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Politik auf deutschen Bühnen ertragen müssen. Auch einen Nachbau des Holocaust-Mahnmals auf dem Nachbargrundstück im Dorf.

In Sachsen-Anhalt schlägt die AfD schon seit Längerem direktere Töne an als die Bundestagsfraktion. Als das Anhaltische Theater in Dessau 2016 eine ­Performance über Fremdheits- und Fluchterfahrungen mit Flücht­lingen realisierte, wurde vom AfD-Landtagsabgeordneten Gottfried Backhaus nicht nur gefragt, ob man solche Stücke künftig überhaupt noch fördern müsse, er stellte in einer Podiums­diskussion Artikel 5 im Grundgesetz infrage – das Grundrecht der Kunstfreiheit. Wie die Spielpläne der Theater aussehen sollten, steht inklusive Regieanweisung im Parteiprogramm: klassische deutsche Stücke, so inszeniert, „dass sie zur Identifikation mit ­unserem Land anregen“.

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