Protagonisten

Aus der Perspektive starker Frauen

Schauspielchefin Anna Bergmann überlässt in Karlsruhe ausschließlich Frauen das Regiepult – ein Zeichen für die Gleichheit der Geschlechter

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Dass der Austausch auch über die Grenzen der Sparten hinweg reibungslos klappt, freut Anna Haas. Gibt es denn eine weibliche Ästhetik, wie sie etwa die französische Literaturwissenschaftlerin Hélène Cixous in den 1980er Jahren postulierte? „Ich glaube nicht, dass man das so einfach sagen kann.“ Einen Unterschied sieht die Dramaturgin aber doch. „Frauen zweifeln eher, und das kann sehr produktiv sein.“ Anna Bergmann formuliert es drastischer. „Männer zeigen ihre Zweifel höchstens auf dem Klo.“ Dass Frauen selbstkritischer sind und verschiedene Blickwinkel zulassen, ist aus der Sicht der Spartenchefinnen sehr fruchtbar für den Inszenierungsprozess. Zugleich bildet dieser Ansatz die Vielfalt der Gesellschaft ab. Die Perspektive von Frauen auf allen Ebenen ins Theater zu tragen, so umschreibt Anna Haas das Ziel der aktuellen Spielzeit. Da nimmt sie auch Beruf und Familie nicht aus. Schauspielchefin Anna Bergmann hat einen dreijährigen Sohn. Die Tochter von Anna Haas geht in die Grundschule. Sonja ­Walter, die geschäftsführende Dramaturgin, ist nach kurzer Elternzeit auf Teilzeitbasis wieder ins Berufsleben zurückgekehrt. Rücksichtnahme und Achtsamkeit sind da für Anna Haas ein Muss: „Für die Kinder muss im Theaterberuf Platz sein.“

Bei der Auswahl der Regieteams zählt für das Leitungstrio die künstlerische Qualität. Zum einen wollen Anna Bergmann und Anna Haas junge Talente fördern, zum anderen mit erfahrenen Regisseurinnen und deren stilbildenden Arbeiten die Linie des Hauses prägen. Zum Beispiel mit Suse Wächter, einer der wichtigen deutschen Puppentheater-Regisseurinnen. Sie hat im April die Uraufführung von Konstantin und Annalena Küsperts „Unantastbar?“ zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes realisiert. Auch der internationale Horizont liegt Anna Bergmann am Herzen. Deshalb kooperiert sie nicht nur mit europäischen Bühnen wie jetzt mit dem Theater im schwedischen Uppsala für das von ihr inszenierte Bluegrass-Konzert „The Broken Circle“ von Johan Heldenbergh und Mieke Dobbels (auch verfilmt von Felix Van Groeningen). Sie holt auch internationale Regieteams ans Haus.

Wie vielschichtig ein neuer Blick auf einen Klassiker gelingen kann, zeigt die britische Regisseurin Lily Sykes mit Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Die Meisterin konsequenter Text­arbeit taucht tief in die doppeldeutige Sprache des englischen Klassikers hinein. Sie verführt das Ensemble dazu, das Drama nicht nur auf den Geschlechterkampf zwischen Benedikt und ­Beatrice zu reduzieren. Thomas Schumacher und Claudia Hübsch­mann zelebrieren die Gefechte zwischen den Geschlechtern mit viel Witz. Doch hat Sykes im Stück noch eine andere, zeitgenös­sische Ebene aufgespürt. Jelena Miletić hat Kostüme geschaffen, die männliche und weibliche Mode filigran kombinieren. Lily ­Sykes interpretiert Shakespeares Drama vom Spiel um die Liebe als Suche nach dem eigenen Ich von Mann und Frau in einer Welt, deren Triebfeder Diversität ist. Wie schwer es für eine Frau ist, ihre Identität zu finden, zeigt vielschichtig und kraftvoll Sonja Viegener als Gouverneurstochter Hero.

Tiefe lässt dagegen Sláva Daubnerovás „Am Königsweg“ missen. Der starke, politisch dichte Text Elfriede Jelineks über einen Herrscher, der seinem Volk in Donald-Trump-Manier das Ende der Schulden und der Arbeitslosigkeit verspricht und daran scheitert, entgleitet der slowakischen Regisseurin und Performerin zu sehr ins ästhetische Nichts. Sebastian Hannaks Bühnenraum öffnet eine Medienwelt, in der Blender das Sagen haben. Die mythischen Könige, die die österreichische Nobelpreisträgerin in Beziehung zum tiefen Fall des weißen Mannes setzt, geraten zu Kunstfiguren.

Für die vielversprechenden jungen Handschriften in der ­Regie steht Jenny Regnet, Assistentin am Haus, die Samantha ­Ellis’ leichte Komödie „How To Date a Feminist“ in Szene setzte. Ganz ohne Verbissenheit überprüft sie feministische Theorien anhand eines jungen Paars, das im Geschlechterkampf der Eltern gefangen ist. Eine spannende Entdeckung ist auch Charlotte Sprenger, die mit ihrer Werkstatt-Inszenierung „Bambi oder eine Suche“ neue Formen kollektiven Arbeitens mit dem Ensemble erprobte. „Wir haben viele starke Regisseurinnen, mit denen wir weiter arbeiten wollen.“ Beispielhaft nennt Anna Bergmann Christina Paulhofer und Mizgin Bilmen, die am Staatstheater bereits das Bürgerinnenprojekt „Radikale Akte“ realisiert hat. In der nächsten Spielzeit soll es mit Regisseurinnen weitergehen. „Und in unserer Hauptspielstätte, dem Kleinen Haus, wird es nur Ur- und Erstaufführungen geben.“ //

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