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Moral zum Wohlfühlen

Bernd Stegemann: Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 205 Seiten, 18 EUR.

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Es ist noch kein Jahr her, da beschrieb der konservative Autor Alexander Grau in seinem Buch „Hypermoral“ eine „neue Lust an der Empörung“. Moral sei im linksliberalen Meinungsmainstream zu einem Religionsersatz geworden, meint Grau. Stegemann, der als Professor an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ sowie als Dramaturg am Berliner Ensemble im Theaterbetrieb und damit im Zentrum dieses linksliberalen Deutungsspektrums arbeitet, ergänzt die lesenswerte Analyse von Grau nun um eine Moralkritik von links.

Und die hat es in sich. Es dürfte seit Jahren die saftigste Standpauke sein, die sich die deutschen Linken von einem Autor aus dem eigenen politischen Spektrum anhören mussten. Um seine Argumentation zu illus­trieren, erzählt Stegemann das berühmte Märchen vom Hasen und Igel. Darin fordert der Igel den Hasen zum Wettlauf heraus. Sobald das schnelle Langohr als vermeintlicher Sieger heranrast, streckt das Stacheltier den Kopf heraus und sagt: „Ich bin schon da.“ Der Trick: Der Igel hat seine Frau im Ziel platziert, sodass der Hase auch 74 Wiederholungen verliert und am Ende tot umfällt.

Der Hase, das ist bei Stegemann die sozialpolitisch orientierte Linke. Und der Igel, das ist für ihn die identitätspolitische Linke, die Kategorien wie Geschlecht und Rasse als neue Hauptwidersprüche des Kapitalismus ausgemacht und darüber vergessen habe, dass Deutschland eine Klassengesellschaft sei. Diese Linke habe sich in ihrer Wohlfühlblase eingeigelt und trete seit mehreren Jahrzehnten doppelt auf.

Ein Beispiel: Bundesgesundheitsminis­ter Jens Spahn (CDU) möchte den Pflege­notstand beheben, indem er Arbeitskräfte aus ganz Europa anwirbt. Die populäre Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht kritisierte diese Idee mit dem Hinweis darauf, dass eine solche Migration die Löhne im Pflegebereich senken würde. Diese Position wiederum wiesen die Grünen zurück, weil sie darin Nationalismus erkannt haben wollten. Grüne und Christdemokraten haben sich also verbrüdert, um eine klassenpolitische Argumentation moralisch auszuhebeln.

Als strategische Stütze dieser Allianz macht Stegemann die sprachpolizeilichen Aktivitäten der Linken aus. Über das beharrliche Desinteresse der meist aus der gehobenen Mittelklasse stammenden Genderaktivisten für die soziale Frage hat der Philosoph Robert Pfaller eigentlich bereits Ende 2017 in seinem Buch „Erwachsenensprache“ alles gesagt.

Stegemann dagegen ist an den Stellen brillant, an denen er seine Ausgangsthese exemplarisch anwendet. In der Auseinandersetzung mit dem 2016 erschienenen Buch „Gegen den Hass“ der Journalistin Carolin Emcke arbeitet er etwa systematisch die blinden Flecken des linksliberalen Moralismus heraus. In diesem Werk werden Demonstranten aus Ostdeutschland pauschal als rassistischer, sexistischer Mob diffamiert.

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