- Anzeige -

Magazin

Moral zum Wohlfühlen

Bernd Stegemann: Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 205 Seiten, 18 EUR.

von

Wenn von Flüchtlingen oder Minderheiten von der „moralisch guten Seite“ die Rede ist, da verniedliche Emcke plötzlich ihren Ton. An einer Stelle sei zu lesen, dass „mit den syrischen Geflüchteten auch andere Erfahrungen und andere Perspektiven auf den Staat Israel zu uns“ kommen. Der Begriff des Antisemitismus tauche nur im Zusammenhang mit Neonazis auf. Hier, so Stegemann, offenbaren sich „Doppelstandards der Moral“. Die Mainstream­linke habe sich eine „Gated Community der Wohlmeinenden“ aufgebaut, „vor deren Toren sich immer mehr Wütende sammeln“.

Wer diese Leute nicht ernst nehme, sondern sie nur arrogant abkanzele, der stärke jene rechten Parteien, die sich ihrerseits als Opfer inszenieren können. Die Moral sorge als Autorität dafür, „dass sich die Guten nicht mit den unbequemen und bösen Teilen der Gesellschaft beschäftigen müssen“.

Das eindrücklichste Beispiel dafür trug sich im Juni 2018 zu – erneut im deutschen Parlament. Damals sprach der AfD-Abgeordnete Thomas Seitz zu einem Antrag zur Geschäftsordnung. „Die vorgesehene Redezeit“, sagte er, „widmen wir der in Wiesbaden tot aufgefundenen Susanna. Sie wurde 14 Jahre alt. Aus der Erde kommst du, und zur Erde wirst du werden.“

Das Mädchen wurde ermordet, tatverdächtig war ein Flüchtling. Seitz schloss die Augen und schwieg. Die AfD-Fraktionsmitglieder erhoben sich. Sitzungspräsidentin Claudia Roth (Grüne) bat Seitz, zur Tagesordnung zu sprechen oder den Platz frei zu machen. Als er nicht reagierte, entzog Roth ihm das Wort. Die AfD wollte moralisieren, aber die Präsidentin ließ ihm das nicht durchgehen.

Doch dann betrat der nächste Redner die Arena: Carsten Schneider von der SPD. Seine ersten Worte: „Der Bundestag ist ein Ort der politischen Debatte, aber nicht der politischen Instrumentalisierung von Opfern. Sie sollten sich schämen!“ Anstatt zumindest dieses eine Mal nicht über das Stöckchen der AfD zu springen, antwortete der sich als guter Mensch präsentieren Wollende dem Moralapostel mit der Moralkeule. Und die Fraktion der AfD lachte sich wieder einmal ins Fäustchen: Die SPD war in die „Moralfalle“ getappt. Wieder einmal – und gewiss nicht zum letzten Mal. //

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Staging Postdemocracy

Wir lebten in postdemokratischen Zeiten, die gewählten Strukturen hätten ihre Macht…

Das Gedächtnis des Theaters

Tote Materialien gibt es nicht – Ein Vierteljahrhundert war Hans Rübesame Archivleiter des Deutschen Theaters Berlin

Im Bann der eigenen Geschichte

Zum 60. Geburtstag von Theater der Zeit 2006 warf Chefredakteur i.R. Martin Linzer einen Blick zurück in die Vergangenheit. Ein Abriss über die Geschichte des Magazins.

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner