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Hacken für das Theater

Die CyberRäuber kreieren Hyperbühnen, in denen sich virtuelle und erweiterte Realität sowie künstliche Intelligenz mit konventionellem Theater verbinden

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In „Fragmente. Ein digitaler Freischütz“ eroberten die Cyber­­Räuber auch die Oper. In vier Episoden wurden Sequenzen der „Freischütz“-Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe (Regie Verena Stoiber) in VR überführt und dort bearbeitet. Interessant war hier, wie sich über die Position im Raum der ­Charakter der Musik von romantisch (von Weber) zu zeitgenössisch (Komposition Micha Kaplan) änderte. „Im Forsthaus hört man die Arie original. Wer mutig ist und das Haus verlässt, erlebt auch etwas anderes“, ­erzählt Karnapke. Die Oper wurde nicht bloß „hineinkopiert“, sondern mit dem Raum und den Klangpotenzialen von VR dirigiert.

Erfolgte bei „Fragmente“ der Zugang ausschließlich über die VR-Brille, so stellte die „Hänsel und Gretel“-Adaption „Verirrten sich im Wald“ (Regie Robert Lehniger) am Deutschen Theater Berlin 2019 ein digital vielfältig erweitertes Bühnenwerk dar. Das Publikum kann hier über einzeln verteilte VR-Brillen alternative Situationen von Hänsel und Gretel erleben. Zentrales Element auf der Bühne ist das Hexenhaus. An einzelnen Stellen des Hexenhauses, aber auch im zuvor zum Spielraum erhobenen Foyer sind nor­male Porträtfotos angebracht, die auf den Tablets der Spielerinnen und Spieler Hologramme erzeugen und so weitere Einblicke in den Wald und in einzelne Figuren geben. Zudem wurden die zehn im Raum verteilten VR-Brillen als Soundquellen umgenutzt: Eine Surround-Atmosphäre mit bewegtem Klang entstand. Für Marcel Karnapke machen das Umfunktionieren von Geräten, das Erweitern der Anwendungsbereiche, ja das Hineinhacken in die Technologie einen maßgeblichen Reiz der Arbeit aus.

Bei „Prometheus Unbound“ in Linz schließlich treten VR und AR in den Hintergrund. Künstliche Intelligenz übernimmt. Texte, Musik und Bilder werden über Algorithmen erzeugt. Für den Text sorgt GPT-2. Der Algorithmus wurde von der vom Tesla-Gründer Elon Musk maßgeblich finanzierten Initiative OpenAI nur in ­einer abgespeckten Version auf den Markt gebracht. Vorsorglich eingebaute Fehler wie Wortwiederholungen sollen verhindern, dass maschinell erzeugte Texte für von Menschen verfasste gehalten werden. Der Fehlermodus sorgt auch für poetische Reibung, für einen Reiz, der sich aus dem Konkretisieren ganz unerwarteter Unbestimmtheitsstellen im Sinne Ingardens ergibt. Als die CyberRäuber den Algorithmus mit Bibeltexten fütterten, kam ­heraus: „1Cor 6:18 Ich soll nicht kommen, und der Herr soll nicht kommen und ich soll nicht kommen, und ich will nicht kommen, ich will aber kommen. / 1Cor 6:19 Ich soll aber nicht kommen, und der Herr soll nicht kommen.“ Dass Bibelstellen indiziert sind, begriff der Algorithmus. Wann der Herr erscheint, bleibt im Ursprungstext oft ebenfalls dunkel. Gegenwärtig füttern die ­CyberRäuber den Algorithmus mit sechs Übersetzungen von ­Aischylos’ „Der gefesselte Prometheus“.

An die Abschaffung der Theaterkunst durch Algorithmen glauben die CyberRäuber aber gerade nicht. „Wenn ich technische Mittel für das Theater einsetze, bringe ich das Theater der Technologie näher und umgekehrt. Damit interessieren sich wieder mehr Leute für das Theater. Gemeinsam dringen wir dann in ganz neue Gebiete vor“, meint Karnapke. Kompagnon Lengers prognostiziert sogar: „Die besten Zeiten für das Theater kommen noch.“ //

* VR virtuelle Realität, AR erweiterte Realität, AI künstliche Intelligenz (international gängige englische Abkürzungen)

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