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Gespräch

Was macht das Theater, Bettina Schültke und Peter Staatsmann?

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Foto: Andreas Linsenmann
Foto: Andreas Linsenmann


Bettina Schültke, Peter Staatsmann, in Baden-Württemberg greift die AfD das Zimmertheater Rottweil an. Können Sie kurz schildern, was vorgefallen ist?

Das Zimmertheater Rottweil hat sich schon 2017 mit dem Thema Rechtspopulismus beschäftigt und mit der Komödie „Wenn der Kahn nach links kippt, setze ich mich nach rechts“ auf die politische Lage reagiert. Jetzt, zwei Jahre später, hat die AfD im Zuge ihrer Verhinderungsversuche ihnen nicht genehmer Kulturinstitutionen eine Anfrage mit dem Titel „Bruch der Neutralitätspflicht der Landesregierung bei der Förderung des Zimmertheaters Rottweil“ an das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Stuttgart gestellt. Insgesamt 13 Fragen drehen sich um Höhe der Förderung, Besucherzahlen, Projektgelder, aber auch um die Frage, ob „weitere Anti-AfD-Stücke“ vom Land gefördert worden seien. Flankiert wurde die Anfrage von Pressemitteilungen des AfD-Abgeordneten und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Emil Sänze, der Theaterleute im Allgemeinen diffamiert und den Intendanten des Zimmertheaters persönlich angreift.

Welche Strategie scheint Ihnen die AfD zu verfolgen?

Zunächst: Die Reaktionen der AfD sind für uns Teil einer Inszenierung, die einen ­öffentlichen Kommunikationsvorgang auslösen wollte. Dass nun die AfD-Landtagsfraktion reagiert, ist für uns ein „Glücksfall“ bürgerlicher Öffentlichkeit. In dem Stück und der Inszenierung gab es eine Auseinander­setzung mit den Mitteln illegitimer politischer Manipulation. Und genau auf dieser Ebene spielt sich nun der gegenwärtige realpolitische und zivilgesellschaftliche Prozess ab, wie er durch die Anfrage der AfD ausgelöst wurde. Es ist deutlich, dass die Hauptstrategie der AfD darin besteht, ihre Angriffe und Insultationen unbeirrt und gleichbleibend fortzusetzen. Ihre Taktik besteht in einer ­Ausbreitung von Schlagworten und denunzierenden Parolen. In sicherer Erwartung von Pöbelantworten nimmt auch unsere eigene ­Motivation, sich in elaborierten Texten zu ­äußern, dramatisch ab. Und trotzdem ist es erforderlich, unbeirrt bei den höflichen ­Umgangsformen einer demokratischen Streitkultur zu bleiben.

Welches sind die zentralen ideologischen Begriffe, mit denen die rechte Partei ihre Ziele verfolgt?

Der zentrale Begriff, mit dem die AfD operiert, ist der der „Neutralität“. Sie versucht, ihre Einflussnahmeversuche damit zu begründen, dass Kunst neutral sein müsse. Das muss sie aber nicht. Ein Neutralitätsgebot gibt es in der Kunst nicht, Kunstfreiheit ist in der Verfassung garantiert. Man muss klar ­sagen, dass ein Neutralitätsgebot, das einem Werterelativismus Vorschub leistet, mit einer Kunst, die demokratische Werte vertritt und gegen antidemokratische, antipluralistische und menschenfeindliche Positionen Stellung bezieht, nicht vereinbar ist. Weiterhin operiert die AfD mit dem Vorwurf, dass Theater eine elitäre Kunstform sei.

Was ließe sich, wenn überhaupt, aus ­Ihrem Fall für die Zukunft lernen?

Wie kann man erfolgreich gegen die Rechten agieren? Es gibt gegenwärtig viele Erklärungen, aber nur wenige inhaltlich anspruchsvolle künstlerische Auseinandersetzungen. Unsere Inszenierung zeigt, wie gegen Rechtspopulismus im Theater anzugehen ist. Das Stück löst planvoll einen sozialen Kommunikationsprozess aus, der nachhaltig wirken kann. Dies scheint uns auch die entscheidende Richtlinie für den Umgang mit den Rechten zu sein: Konsequente Desavouierung ihrer Inhalte als phantas­matisch, irreal und imaginär – durch die Verschiebung auf eine formale ­Ebene. So sind wir auch in unseren Er­widerungen auf die Presseerklärungen und Angriffe der AfD verfahren – die sich dadurch offensichtlich viel stärker attackiert fühlt als durch die seriöse Erwiderung. Diese werden nämlich durch die AfD-Taktik der unaufhör­lichen vulgären Attacken unterlaufen: Auf ­jedes seriöse Argument erfolgt immer nur eine weitere Eskalation in der vulgären Beschimpfung und dem offenen Behaupten von blankem Unsinn. Der eigentliche Clou unseres Stückes ist, die AfD nicht als gleich­berechtigten Gesprächspartner, sondern als lebendes und virulentes Beispiel für die all­gegenwärtige Regression von Menschen im Zeitalter der digitalen und rückhaltlosen ­Globalisierung zu nehmen. Wir sehen bei ­einigen der brachialen Führerfiguren der AfD, dass sie es darauf anlegen, mythisiert und dämonisiert zu werden, auch mit den düstersten historischen Doubles. Die Inszenierung gewährt der gesamten Repräsentanz der Rechten jedoch weder Raum noch Aura, sondern nimmt sie als das, was sie sind: ein krank­machendes Therapeutikum für sozial­patho­logisch „verlorene Seelen“. //

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