Protagonisten

Howgh, ich habe gesprochen!

Der Philosoph Slavoj Žižek über sein Theaterstück „Die drei Leben der Antigone“ im Gespräch mit dem Regisseur Felix Ensslin

von und

… und dann geht er Golf spielen.

Genau. Ein Freund aus Iran sagte nach der Tötung des iranischen Generals Soleimani durch die Vereinigten Staaten zu mir: „Was für ein großartiger Deal. Die Vereinigten Staaten und Iran ­sprechen sich exakt ab, wie Iran die amerikanischen Militärcamps bombardieren muss, damit keiner umkommt. Es geht lediglich darum, die Spannung zu zerstreuen.“ Gleiches im Fall von Nordkorea. Einige US-amerikanische Linke, die Trump hassen, sagen, dass, wenn Hillary Clinton Präsidentin geworden wäre, das Risiko eines Krieges mit Iran oder Nordkorea ungleich größer gewesen wäre. Die Gründe, warum ich Trump fürchte, liegen auf einem anderen Level. Nehmen wir Ödipus. Ich stimme nicht mit Hegel überein, der sagt, dass Ödipus ein tragischer Held ist, der nicht wusste, was er tat, trotzdem aber Verantwortung übernehmen musste. Lest Sophokles! Das ist so nicht passiert.

Keiner liest Sophokles, man liest nur noch Žižek.

Ödipus bereut am Ende nichts. Er gibt nichts zu.

Und was sagt Ödipus über Antigone?

Keine Ahnung. Määh, määäh, määäh – blökt der Chor in unserer Inszenierung.

Okay, Ich wette, du lügst. Fünf Jahre Gulag.

Ich habe von dir gelernt, dass lügen ein Teil der Wahrheit ist.

Du wirst sehr viel lernen im Gulag, wenn wir erst einmal an der Macht sind. In „Ödipus auf Kolonos“ sagt der Chor: „Mae phynei“, also: „Niemals geboren worden zu sein, mag der größte Segen von allen sein.“ In meiner geschmacklosen Art schlug ich dieses Zitat einer slowenischen Agentur vor, die eine Pro-Abtreibungs-Kam­pagne plante: „Das größte Glück für ein unerwünschtes Kind ist es, nie geboren zu werden. Wir kümmern uns darum.“

Määäh.

Ich liebe Ödipus auf Kolonos, er ist nicht der alte weise Typ im Clinch mit seinem Schicksal. Er weiß, was er will: seine Heimatstadt Theben zerstören und seinen Tod so teuer wie möglich verkaufen. Er ist eine wunderbare Figur. Am Ende, als er alle Menschlichkeit eingebüßt hat, ist sein Begehren befreit. Was ich sagen will: Alles kann auf eine nette Art und Weise entwickelt werden. Wie bei Jacques Lacan. Aber Ödipus hat keinen Ödipuskomplex. Ich misstraue dieser vulgär-psychoanalytischen Lesart total. Claude Lévi-Strauss, der große Anthropologe sagte, es gebe einen nordamerikanischen Volksstamm, der sagen würde, dass alle Träume eine sexuelle Bedeutung haben – außer die direkt sexuellen. Alle Familien haben den Ödipus-Komplex, außer der Ödipus-Familie.

Die Frage ist: Ist das nach wie vor politisch relevant?

Natürlich! Ich bin absolut gegen die vulgärpsychologische Lesart der Antigone. Ich habe meine feministische Lektion gelernt.

Denke an deine Freundin Judith Buttler, die du so sehr liebst!

Ich liebe sie als Person, nicht ihre Theorie. In ihrem Buch „Antigones Verlangen“ sehe ich – als stalinistisch-theoriefixierter Polizist – einen Aspekt, bei dem sie schummelt. All diese humanistischen Verteidiger einer Antigone, die für all die Unterdrückten und Ausgeschlossenen stehen soll, haben ein Problem mit ihrer Aussage, dass sie ausschließlich für ihren Bruder kämpft – nicht für die Allgemeinheit.

Jetzt sprichst du über Hegel.

Ich mag seine Theorie nicht. All diese Theoretiker, die seit Jahrhunderten zu erklären versuchen, dass dieser Satz eine spätere Einfügung ist. Ich stimme mit anderen großen Feministinnen überein, die sagen, dass die Größe Antigones nicht darin liegt, was sie fordert, sondern in der Art ihres öffentlichen Handelns, das in dieser Gesellschaft eigentlich bislang Männern vorbehalten war. Darin liegt ihre Schönheit. Ich möchte dich eine Sache zu deiner Inszenierung fragen.

Bitte.

Ich musste lachen, weil du meinen Text mit Pop-Musik unterlegt hast. Ich würde sogar noch weiter gehen und den Chor genauso zuckersüß singen lassen wie diese furchtbaren Pop-Musiker aus den fünfziger Jahren, Perry Como, Caterina Valente, Connie Francis. Weil ich glaube, dass der Chor der dümmste Teil im ganzen Stück ist. Interpretiere da bloß keine Tiefe rein. Für alles gibt es ein Sprichwort. Stell dir vor, du bist in Gefahr. Du stellst dich ­dieser Gefahr und bist erfolgreich. Im Slowenischen gibt es das Sprichwort: „Nur die, die etwas riskieren, werden profitieren.“ Wenn du dich der Gefahr stellst, aber scheiterst, gibt es ebenfalls ein Sprichwort: „Uriniere niemals gegen den Wind.“ Das sind die sogenannten Weisheiten. Ich denke, in der griechischen Tragödie steht der Chor für Dummheit.

Du denkst also, wir waren nicht dumm genug?

Nein. Aber der Chor am Ende ist es. Ich bin Hegelianer. Einer der wunderbarsten Witze stammt von dem großen Hollywoodianer Ernst Lubitsch. Ein Typ kommt in ein Café und fragt: „Könnte ich einen Kaffee ohne Sahne bekommen?“ Der Ober antwortet: „Leider nein, wir haben nur Milch hier. Ich kann Ihnen nur einen Kaffee ohne Milch bringen.“ Das ist es, was Hegel mit bestimmter Negation meinte. Schwarzer Kaffee ist materialistisch gesehen dasselbe wie Kaffee ohne Sahne. Symbolisch ist es aber nicht dasselbe. Das heißt, was tatsächlich geschieht, kann nur verstanden werden, wenn wir in Betracht ziehen, was passiert sein könnte, aber nicht wirklich passiert ist.
Was mir wichtig ist bezüglich der drei Enden meiner Antigone: Wie oft wird uns in Bezug auf politische Prozesse durch die Medien eine angebliche Opposition präsentiert? Westlicher Liberalismus versus Fundamentalismus zum Beispiel. Was aber, wenn diese Opposition, in der man sich nur für die eine oder andere Sache entscheiden kann, falsch ist?

Warum hast du nicht 54 Enden geschrieben?

Das habe ich in meiner Einleitung erklärt. Du weißt, dass Sophokles’ Version gar nicht das Original ist? Es soll einen Mythos, eine frühere Version gegeben haben. Wenn die heute jemand aufführen würde, würde er angeklagt, ein billiges Hollywood-Melodram zu inszenieren.

Du meinst, Antigone mit ihrem Kind?

Antigone und ihr Kind können aus Theben fliehen. Ihr Kind kehrt zwanzig Jahre später zurück und verübt Rache. Ich danke der antiken Version, dass sie sich dieser romantischen Ebene des Originals entledigt hat. Stichwort Authentizität: Es gibt einen exzellenten Inuit-Film, „Atanarjuat – Die Legende vom schnellen Läufer“ des Inuit-Regisseurs Zacharias Kunuk. Er verhandelt einen alten Inuit-Mythos. In der originalen Version töten sich zwei oder drei Stämme gegenseitig. Ein absolut tragisches Ende. Der Film aber hat ein Happy End, zumindest so halb. Ein dummer Multikulti-Liberaler beschuldigte den Regisseur daraufhin, in die Falle des europäischen Hollywood-Kommerzialismus gelaufen zu sein. Warum er sich denn nicht an das Original gehalten habe. Kunuk antwortete: „Nein, Sie sind der europäische Imperialist mit Ihrer Obsession für ­Authentizität. In der Tradition der Inuit ist es völlig normal, ­Geschichten zu ändern, sie wieder und wieder umzuschreiben, um sie zu aktualisieren.“
Eine andere Geschichte: Letztes Jahr traf ich in Neuseeland eine Gruppe bildender Künstler. Sie zeigten mir zunächst – das gaben sie erst später zu – absichtlich ihren authentischen Bullshit und sagten: „Wir sind im Dialog mit der Natur. Bevor wir einen Berg malen, fragen wir den Berg um Erlaubnis.“ Eine Woche später, wir waren bereits Freunde geworden, erzählten sie mir die Wahrheit. „Wir fragen zwar den Berg, noch viel wichtiger aber ist, dass wir unseren Agenten in New York fragen, was gerade angesagt ist.“ Zu diesem Zeitpunkt waren heilige Objekte angesagt, Tempel, Ruinen und hier und da ein Frauenkörper. Sie erzählten mir mit wundervoller Ironie, wie sie darauf achten würden, dass es genau das ist, was der Berg ihnen erzählt. Außerdem gaben sie zu, Weiße zu hassen. Das berichten mir auch Native Americans, die ich in Missoula im US-Bundesstaat Montana besuchte. Sie hassen Weiße, die zu ihnen kommen und sagen: „Unser Leben in den Großstädten ist so entfremdet. Ihr lebt das wahre, authentische Leben.“ Sie antworten dann immer: „Okay, lasst uns tauschen. Gebt uns eure nette Villa in Los Angeles und ihr könnte kommen, um in unserem Dorf zu leben.“ Howgh, ich habe gesprochen. //

Aus dem Englischen von Dorte Lena Eilers.

Bei diesem Interview handelt es sich um eine redaktionell bearbeitete ­Version eines Gesprächs zwischen Slavoy Žižek und Felix Ensslin, das am 24. Januar 2020 am FFT Düsseldorf stattfand. Das gesamte Gespräch finden Sie als Audio-File ab Ende März auf www.theaterderzeit.de/2020/03 und https://fft-duesseldorf.de/mediathek/. Im März erscheint zudem im Verlag Theater der Zeit ein Buch über das Agora Theater: „Marcel Cremer und die Agora. Ein Lesebuch zum Theater der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens“, herausgegeben vom Agora Theater und Christel Hoffmann. //

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